Wenn man das Wort „Extremismus“ hört, dann hat man meist ein klares Bild vor Augen: Eine radikale Gruppe, die einen Terroranschlag plant oder verübt. Eine Person, die an eine Sache glaubt und alles andere ablehnt. Der Radikalisierungsprozess kann jedoch von vorn herein verhindert werden.
Von: Max Hofer
Extremistische Inhalte können eine starke Anziehung auf Kinder und Jugendliche ausüben. So war es auch bei dem heute 20-Jährigen Michael K. (Namen geändert)
Zwar war er nie Teil einer extremistischen Gruppe. Das bedeutet jedoch nicht, dass er nie von extremistischen Inhalten beeinflusst worden wäre:
„Ich kann mich erinnern, als ich elf oder zwölf Jahre alt war, haben ich und ein paar Jungs manchmal H*** H***** „gespielt“. Wer sich traute den Satz in der Schule oder auf der Straße am lautesten zu sagen war der Mutigste.“
Ihnen war bewusst, dass es sich um eine NS-Parole handelte und sie wussten, dass diese dem Verbotsgesetz unterlag. Aber genau das Verbot machte laut Michael das Ganze so interessant.
Welche Rolle die Beratungsstelle Extremismus spielt
Michael wurde einige Jahre später von einem seiner Lehrer über das Thema aufgeklärt und ihm wurde mit dessen Hilfe klar, was genau hinter der NS-Parole steckte und weshalb sie verboten war. Andere haben diese Hilfe jedoch nicht.
Die Beratungsstelle Extremismus ist die erste Anlaufstelle für alle Fragen rund um das Thema. Verena Fabris leitet die Organisation. Über die Helpline können Menschen anrufen, die aus extremistischen Gruppen aussteigen wollen oder deren nahe Bekannte sich in einem radikalen Umfeld bewegen.
Um Radikalisierung zu verhindern, ist Prävention die oberste Prämisse. Daher bietet die Beratungsstelle Workshops für Schulklassen und Multiplikator*innen an, in denen sie erklären, was Extremismus ist, wie man ihn erkennt und wie man sich davor schützt.
Aufklärung als Prävention
Sie hätten für ihre „Mutproben“ regelmäßig Ärger bekommen, erzählt Michael – ihm und seinen Freunden wurde aber auch nicht begründet, warum es falsch ist, rechtsradikale Sprüche zu klopfen. Die meisten Erwachsenen konnten das Thema entweder nicht erklären oder wollten nicht darüber sprechen. „Man macht es nicht und Punkt“, habe es geheißen. Ab einem bestimmten Alter werde man kontroversen Themen ausgesetzt und hat Fragen dazu und wenn man zuhause keine ausreichende Antwort bekommt, dann sucht man sie anderswo, erklärt er.
Diese Antworten will die Beratungsstelle Extremismus bieten:
„Es gilt (…) einen Raum für Jugendliche zu schaffen, wo sie offen und ohne Angst Fragen stellen können, die an anderen Orten tabu sind oder nicht beantwortet werden können“, sagt Fabris.
Bei den Workshops erklären die Mitarbeiter*innen der Beratungsstelle, welche extremistischen Gruppen es gibt, woran man diese erkennt und warum entsprechende Symbole in Österreich verboten sind. Gemeinsam mit den Jugendlichen werden Propagandavideos angesehen. Anschließend wird besprochen welche Rhetorik verwendet wurde, wie das Thema dargestellt wird und welche Wirkung der Propagandainhalt erzielen soll.
Austausch und Reflexion
Die Diskussionen sollen zur Selbstreflexion anregen, denn sehr oft bietet die eigene Einstellung zu Themen wie Sexismus, Rassismus und Homophobie einen Anknüpfungspunkt für extremistische Gruppen. Es beginnt womöglich damit, dass man wie Michael aus Provokation nationalsozialistische Parolen ruft, doch für manche wird daraus später Ernst.
„Man will sehr oft einfach nur dazu gehören und wenn man sich dann – auch nur in der Schule – immer in derselben Gruppe befindet, dann wird es (…) leicht alle als „anders“ zu sehen, die nicht dazugehören“, erzählt Michael.
Jeder Mensch hat das Bedürfnis einer Gruppe anzugehören und verstanden zu werden. Dies nutzen extremistische Gruppen aus. Die eigenen Ansichten werden bestätigt und verstärkt. Die Gruppen versprechen diese Bedürfnisse zu erfüllen und versuchen die Person von der Umwelt abzugrenzen.
Wer also offen für neue Sichtweisen bleibt und bereit ist mit anderen zu reden, der ist weniger anfällig für extremistische Rhetorik und kann diese leichter erkennen.
Was tun, wenn…?
Wenn sich eine verwandte oder bekannte Peson einer extremistischen Gruppe annähert, ist es wichtig, den Kontakt zu ihr aufrecht zu halten. So gibt man der betroffenen Person die Möglichkeit eine Meinung von „außen“ zu suchen. Durch Dialog kann man Informationen sammeln und einschätzen, ob sich die Person in Gefahr befindet. Im Zweifelsfall sollte man professionelle Hilfe aufsuchen.
Die Helpline der Beratungsstelle Extremismus ist von Montag bis Freitag, zwischen 10.00 und 15.00 Uhr unter 0800 2020 44 erreichbar.
Quellen:
https://www.no-extremism.at/wp-content/uploads/2024/07/radikalisierungssymbole.pdf
Bild: Pixabay; makamuki0