Der Zug ist abgefahren: Die Modernisierung der S-80 soll trotz Proteste beginnen

von: Nikolaus Demel

Die ÖBB will modernisieren. Kostenpunkt: Eine halbe Milliarde. Doch einige Bürger*innen sind mit der Umsetzung unzufrieden. Eine Geschichte über juristische Streitigkeiten, fehlerhafte Rodungen und eine „Betonschneise“ mitten durch den Bezirk.

Baumstümpfe, Oberleitungen und Schienen. Das ist der aktuelle Ausblick der Bewohner*innen der Spohrstraße in Hietzing. Wo bis vor wenigen Monaten noch etliche Bäume standen, entsteht in den nächsten Jahren eine moderne Schnellbahnstrecke. Die Bürgerinitiative „Verbindungsbahn-Besser“ ist mit dem Vorgehen der ÖBB unzufrieden.

S-Bahn Strecke nach Rodungen
Die Nachwirkungen der Rodungen in der Spohrstraße Bild: Demel

Mit der Modernisierung der Strecke zwischen Hütteldorf und Meidling entstehen nicht nur zwei neue Stationen (Hietzinger Hauptstraße und Stranzenbergbrücke), sondern auch eine Hochtrasse und Lärmschutzwände. Die Anrainer*innen fürchten dadurch eine Zweiteilung des Bezirks und eine schlechtere Verkehrslage.

Haltestelle Hietzinger Hauptstraße
So soll die neue Station „Hietzinger Hauptstraße“ aussehen. Bild: ÖBB

Die ÖBB sieht das anders: Durch die erhöhte Fahrbahn wird ein störungsfreier Verkehr unterhalb der Trasse ermöglicht und die Schranken obsolet. Aktuell sind diese etwa 15 Minuten pro Stunde geschlossen. Mit dem geplanten Viertelstundentakt würde sich die Wartezeit ohne Hochtrasse und bestehenden Schranken verdoppeln. Ergänzend sollen barrierefreie Querungen ausgebaut werden und das Gebiet nach Bauende begrünt werden. Der Status quo wird jedoch nicht wieder hergestellt.

„Im Rahmen der Grünraumgestaltung und Rekultivierung werden 572 Bäume entlang der Trasse nachgepflanzt.“ÖBB

Erika Artaker ist aktives Mitglied der Bürgerinitiative. Die Architektin und Künstlerin  lebt im 13. Bezirk unweit der S-Bahn-Strecke. Laut ihr wäre ein unterirdischer Bau sinnvoller. Dadurch würden Wartezeiten wegfallen und anstatt des Neubaus und der Hochtrasse würde Platz für Parks und Radspuren entstehen. Ein Vorhaben, das weder finanziell noch architektonisch umsetzbar ist, kontert die ÖBB per Info-Video.

Die S-Bahn als trojanisches Pferd?

Ein weiterer Streitpunkt ist der Güterzugverkehr. Die Vertreter*innen der Initiative fürchten eine starke Belastung und argumentieren, dass hinter der Modernisierung anderen Absichten stecken.

„Es ist leider ein Güterzugausbau der ÖBB, der allerdings als S-Bahn-Ausbau verkauft wird. Denn das, was es strukturell hier für uns besser macht, ist eigentlich nichts, bis auf zwei Stationen, die kommen.“ – Artaker (Bürgerinitiative)

Die Pressestelle der ÖBB betont, dass die Route lediglich als Ausweichstrecke des Lainzer Tunnels dient und nur im Notfall genutzt wird.

Insgesamt spricht die Architektin von unzureichender Zusammenarbeit und Interessensverteilung bei der „Attraktivierung der Verbindungsbahn“.

„Es ist natürlich technisch das Einfachste, gerade eine Schneise zu legen und auf alles andere nicht zu achten.“ – Artaker

Die Weichen sind gestellt

Die Modernisierung der westlichen S-80 Strecke wird bereits seit zehn Jahren geplant. 2020 hat die ÖBB erstmals konkretere Vorschläge veröffentlicht. Durch Einsprüche und Beschwerden diverser Vereinigungen hat sich die Umsetzung verzögert. Der wohl prominenteste Zusammenschluss ist die Bürgerinitiative „Verbindungsbahn-Besser“. Sie ist grundsätzlich für den Ausbau, fordert jedoch umweltfreundlichere und ressourcenschonendere Baumaßnahmen.

Letzten Endes konnten die Forderungen und Bemühungen der Bürgerinitiative die Umsetzung des Projekts nicht gravierend verändern. Während der Vorarbeiten sind den Anrainer*innen jedoch Fehler bei Rodungen und Umsiedlungen der betroffenen Tiere aufgefallen. Die Architektin kritisiert, die ÖBB wären ohne Berücksichtigung der Vorlagen vorgegangen und es sei nicht Sinn der Bürgerinitiative, sie zu kontrollieren.

Nach all den Rückschlägen erhofft sich Erika Artaker vor allem eines: Dass es bei zukünftigen Projekten anders abläuft. Sie wünscht sich mehr Transparenz und eine stärkere Interessenvertretung der Stadt Wien. Vorerst steht jedoch fest: Die Bauarbeiten sollen im September beginnen und in drei Etappen erfolgen. Laut ÖBB sollen sie voraussichtlich 2036 fertig gestellt werden.

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