Datingtipps, Fitnessvideos, Männlichkeitscoachings. Viele junge Männer stoßen in sozialen Medien auf Inhalte, die zunächst harmlos wirken. Hinter Begriffen wie „Red Pill“ oder „Looksmaxxing“ verbergen sich jedoch antifeministische Online-Subkulturen. Auch in Österreich gewinnt die Manosphere zunehmend an Reichweite.
Von Luca Steindorfer
„Ich gehe davon aus, dass sie das in den sozialen Medien gesehen haben und so auf die Foren gestoßen sind“, sagt M., dessen Freunde sich selbst als Incels bezeichnen. Plattformen wie TikTok oder Reddit erleichtern nicht nur den Zugang zu solchen Inhalten, sondern vernetzen unterschiedliche Gruppen und Ideologien miteinander.
Louise Haitz, Dozentin an der Universität Wien und Forschende im Bereich der Manosphere, definiert das Phänomen als dezentrales, antifeministische Netzwerk: keine konkrete Gruppe, sondern unterschiedliche Subkulturen, die über Plattformen und Diskurse hinweg ideologisch ineinandergreifen. „Sie sehen Männlichkeit als bedroht, als das wahre Opfer, das nicht die Anerkennung bekommt, die es bräuchte“, erklärt Haitz. Aus diesen gemeinsamen Feindbildern und Opfererzählungen entsteht ein für junge Männer leicht zugängliches Netzwerk antifeministischer Online-Subkulturen, welches von Vorstellungen hegemonialer Männlichkeit geprägt ist.
Incels, Looksmaxxer und Co.
Innerhalb der Manosphere lassen sich mehrere Kerngruppen unterscheiden. Sogenannte „Looksmaxxer“ folgen der „Red Pill Theorie“ und versuchen demnach ihren gesellschaftlichen Status durch Optimierung ihres Äußeren zu steigern. Die Bandbreite reicht von Krafttraining über gesunde Ernährung bis hin zu gesundheitsgefährdenden Praktiken wie dem „Bone Smashing1“. Demgegenüber herrscht bei den Incels („involuntary celibates“) Resignation. Diese Gruppe vertritt die „Black Pill Theorie“, wonach Attraktivität rein genetisch determiniert und unveränderlich sei.

doodleroy, Sad Boy Coffee Sad Man, Fotografie, veröffentlicht auf Pixabay
Neben diesen Kernströmungen zählen auch Gruppen wie „Men Going Their Own Way2“, „Pick Up Artists3“ sowie Männerrechts- und Väterrechtsgruppen zur Manosphere. Zudem bestehen ideologische Überschneidungen mit rechtsextremen Bewegungen. In Teilen der Community werden antisemitische sowie antidemokratische Narrative verbreitet, die die Radikalisierungstendenzen der Szene verstärken können.
Einsamkeit und Extremismus
Das Institut für Konfliktforschung hat ähnliche Strukturen in der österreichischen Manosphere-Community identifiziert. Einsamkeit, soziale Isolation und Frustration prägen die Mitglieder. Die Schuld für persönliche Misserfolge wird Frauen oder dem Feminismus zugeschrieben. In sozialen Medien entstehen Echokammern, die Frauenhass und Opferdenken wechselseitig verstärken.
M. beschreibt, dass er bei seinen Freunden ähnliche Beweggründe beobachtet habe. „Direkte Gewalt gehe von den meisten Mitgliedern nicht aus, die Gefahr liegt in der Normalisierung von Misogynie und zunehmender Isolation“, so seine Einschätzung. Dass aus Worten Taten werden können, belegen internationale Fälle. Das erste bekannte Incel-Attentat ereignete sich 2014 in Kalifornien. Elliot Rodger tötete dabei sechs Menschen und hinterließ ein Manifest sowie Videos, in denen er seinen Frauenhass und seine Motive darlegte. Für viele innerhalb der Incel-Szene gilt Rodger bis heute als Held. Dieser Anschlag gilt nur als einer von mehreren Fällen, die mit der Szene in Verbindung gebracht werden können. Eine Studie der britischen Regierung warnt, dass die Kombination aus psychischen Belastungen und ideologischer Radikalisierung die Gewaltbereitschaft einzelner Mitglieder erhöhen könne. Sicherheitsbehörden stufen gewaltbereite Teile der Szene deshalb als große Bedrohung ein. Besonders problematisch seien, dass sich Incel Netzwerke anonym und dezentral organisieren, wodurch sie schwerer zu fassen sein als klassische Extremismusformen.
Der Algorithmus als Türöffner
Laut Haitz spielen die Algorithmen sozialer Medien eine entscheidende Rolle. Manosphere-Inhalte werden ausgespielt, weil sie reale Bedürfnisse bedienen. Zugehörigkeit, Anerkennung, Antworten auf Einsamkeit. Das erzeugt ein starkes In-Group Denken: „Wir gegen die anderen.“ Studien zeigen, dass soziale Medien für neun von zehn Jugendlichen mittlerweile eine zentrale Quelle für Informationen und Orientierung darstellen. Rund 26 Prozent weisen laut einer Untersuchung der MaLisa Stiftung ein „besorgniserregendes Weltbild“ auf, geprägt von traditionellen Männlichkeitsbildern, rechten Einstellungen und antifeministischen Narrativen.
Einfache Antworten gibt es laut M. auf die Frage der Prävention nicht. Er plädiert für mehr Verständnis statt pauschaler Verurteilung: „Mitgefühl zeigen, mehr Verständnis – vielleicht würde das helfen.“ Haitz und weitere Expert*innen warnen davor, dass sich misogyn geprägte Narrative durch soziale Medien zunehmend normalisieren und besonders junge Männer früh erreichen. Sie sehen Prävention, Medienkompetenz und frühe Aufklärung als entscheidende Gegenmaßnahmen.
Fußnoten
- 1Bone Smashing: Gefährliche Praxis innerhalb der Looksmaxxing-Szene, bei der durch wiederholte Schläge auf Gesichtsknochen versucht wird, deren Form zu verändern.
- 2Men Going Their Own Way (MGTOW): Bewegung innerhalb der Manosphere, deren Anhänger romantische Beziehungen zu Frauen bewusst ablehnen uns sich von gesellschaftlichen Erwartungen an Männer distanzieren wollen.
- 3Pick-Up Artists (PUA): Community die Strategien und Techniken vermittelt, um Frauen gezielt zu verführen oder sexuelle Beziehungen herbeizuführen.
Quellen
Bilder
- https://www.pexels.com/photo/sad-man-sitting-7243770/
- https://pixabay.com/photos/sad-boy-coffee-sad-man-2634521/
Recherche
- https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/looksmaxxing-maennlichkeit-100.html
- https://archive.ph/PBOes
- https://ikf.ac.at/wp-content/uploads/2025/01/Incels_in_Oesterreich.pdf
- https://www.gov.uk/government/publications/predicting-harm-among-incels-involuntary-celibates/predicting-harm-among-incels-involuntary-celibates-the-roles-of-mental-health-ideological-belief-and-social-networking-accessible
- https://www.bbc.com/news/world-us-canada-43892189
- https://www.tagesschau.de/faktenfinder/incel-101.html
- https://www.malisastiftung.org/studien/soziale-medien-geschlechterbilder-und-werte