Ist es möglich, als Priester ein Leben in Einklang mit Gott und mit einer Frau an seiner Seite zu führen? Die Geschichte eines ehemaligen obersteirischen Pfarrers zeigt, warum nicht nur das Zölibat diesem Lebensentwurf entgegensteht.
von Julia Hammer
Andreas Monschein war knapp 30 Jahre alt, als er „ja“ sagte. Allerdings gab er sein Ja-Wort damals weder einer Frau noch einem Mann – sondern Gott. Den Ruf Gottes beantwortete Monschein mit dem Eintritt ins bischöfliche Priesterseminar Graz. Im Jahr 2009 wurde er zum römisch katholischen Priester geweiht.

Heute hat Monschein seine Beziehung zu Gott – zumindest kirchenrechtlich – beendet und ist mit einer Frau verheiratet. Zu dritt wäre es in der Kirche eng geworden zwischen ihm, Gott und ihr, erzählt er im Interview: „So wie ich es gelebt habe als Pfarrer, waren die Anforderungen so hoch, dass ich weder genug Zeit gehabt hätte für die Partnerin, noch für die Pfarre.“
Größer werdende Strukturen überlasten Priester zunehmend
Dass der Priesterberuf sehr fordernd ist, bestätigt Thorsten Schreiber, Leiter des Priesterseminars Graz. Einen Grund für die wachsende Belastung der Priester sieht er in den größer werdenden pastoralen Einheiten innerhalb der Kirche. Immer häufiger werden einzelne Pfarren zu sogenannten Seelsorgeräumen zusammengelegt. In der Steiermark gibt es 47 solcher Räume, in denen mehrere Pfarren unter einheitlicher Führung zusammenarbeiten.
Monschein leitete einst einen solchen übergeordneten Seelsorgeraum – zusätzlich zu seiner eigenen Pfarre. Damit trug er besonders viel Verantwortung. „Einerseits muss man viel für die Menschen da sein. Andererseits gibt es viele administrative und organisatorische Dinge, die man dann zu managen hat“, sagt Schreiber zu den Aufgaben von Priestern, die Seelsorgeräume leiten.

Priester sind Seelsorger, aber auch Manager
„Ich habe irgendwann gemerkt, dass meine Aufgabe sich vom Seelsorger immer mehr zum Manager verschiebt“, beschreibt Monschein den Arbeitsalltag während seiner letzten Jahre als Pfarrer in Kindberg. Er hatte das Gefühl, aufgrund der Bürokratie immer weniger Zeit zu haben für die Menschen in seiner Pfarre und sich selbst. Darunter litt auch seine Beziehung zu Gott. Damals habe er sich oft vorgestellt, im Lotto zu gewinnen, „aufzuhören, und etwas anderes zu tun“, erzählt Monschein. Schließlich gewann er nicht im Lotto, lernte aber seine jetzige Ehefrau kennen.
Im Jänner 2022 hielt Monschein seine letzte Messe als Priester in der Kindberger Pfarrkirche. Dann trat er von seinem kirchlichen Amt zurück und ließ sich laisieren (siehe Infokasten). „Meine Frau gab mir im Endeffekt den endgültigen Anlass, zu sagen, ich gehe jetzt.“ Für Monschein habe es sich nicht länger ausgezahlt, wegen seines Berufs auf eine Partnerin zu verzichten. Letztendlich traf er die Entscheidung nicht nur für seine Frau, sondern auch für sein eigenes Wohlergehen, wie er sagt.
„Aufhebung des Zölibats löst das eigentliche Problem nicht“
Der Rücktritt des Kindberger Pfarrers entfachte die Diskussion um das Zölibat in Österreich neu. Beliebte Priester wie Monschein gingen der Kirche aufgrund des Pflichtzölibats verloren, kritisieren Vorstände katholischer Organisationen. Thorsten Schreiber findet, dass die Auslebung des Zölibats „der Entscheidung der einzelnen Priester obliegen sollte.“ Dennoch betont er, die momentanen Kirchenstrukturen böten keinen idealen Rahmen, um Priesteramt und Familienleben zu vereinbaren.

Monschein sagt zu der Debatte: „Eine Aufhebung des Zölibats löst das eigentliche Problem nicht.“ Aus eigener Erfahrung wisse er, dass man den Priesterberuf nur in einer zölibatären Lebensform gut ausführen kann – zumindest innerhalb der derzeitigen Strukturen. Er glaubt, dass eine Lockerung des Zölibats nur dann sinnvoll ist, wenn sie mit einem grundlegenden Strukturwandel einher geht.
„Jetzt zu sagen, wir heben das Zölibat auf und der Rest bleibt gleich, ist für mich keine attraktive Lösung – darauf hätte ich mich nicht eingelassen.“
Andreas Monschein
Über seine Entscheidung, das Priesteramt zurückgelegt zu haben, ist Andreas Monschein heute froh. Als Religionslehrer lebt er nun in einer glücklichen Beziehung mit Frau und Gott.
INFOBOX
Zölibat: kirchenrechtliches Versprechen, ehelos und sexuell enthaltsam zu leben, das röm.-kath. Priester durch ihre Priesterweihe abgeben
Laisierung: kirchenrechtlicher Akt, durch den Priestern alle Rechte und Pflichten, die mit ihrem Amt einhergehen, entzogen werden; kann durch die Kirche eingeleitet oder vom Priester freiwillig erbeten werden
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