Wenn Tanz Barrieren bricht

Inklusion steht für Zusammenleben und gleichberechtigte Teilhabe. Auf kultureller Ebene ist das Tanzen ein wesentlicher Bestandteil für diese Inklusion. Der Tanzsport begeistert alle – unabhängig von Geschlecht, Herkunft und Beeinträchtigungen.

Von: Daniel Zeissmann

„Schau nicht hin, das tut man nicht!“ Diese harten, der Zeit geschuldeten Worte ihres Vaters haben in Katalin Zanin einiges ausgelöst. Katalin wollte als Kind in den 50er-Jahren in Budapest ein anderes Kind mit Down-Syndrom umarmen. Nach den damaligen Standards und Klischees galt es als No-Go, wenn beeinträchtigte Menschen mit anderen Menschen interagierten. Die Diagnose Down-Syndrom wurde ableistisch als „Idiotie“ abgestempelt.

Heute schaut Katalin Zanin hin. Fast ihr ganzes Leben widmet sie schon der Arbeit mit kognitiv beeinträchtigten Menschen. Die Gründerin des Kultur-, Bildungs- und Tanzsportvereins „Ich bin O.K.“ konnte ihre Passion für kulturelle Inklusion erfolgreich an ihre nächste Generation weitergeben. Seit 2009 ist ihr Sohn Attila Zanin künstlerischer Leiter und seit 2022 ehrenamtlicher Vorstand und Obmann des Vereins. Der 47-Jährige führt somit das Lebenswerk seiner Mutter weiter, mit Unterstützung von 15 Pädagog*innen und zahlreichen Elternteilen.

Tanz verbindet

Der Verein „Ich bin O.K.“ ist durch seine aufwendigen und ansehnlichen Tanz- und Theateraufführungen von Menschen mit Behinderung bekannt. Ein spezielles Datum im Kalenderjahr von Attila Zanin ist der Tag des Opernballs: „Besonders war das beim Opernball 2001, wo wir mit den Balletttänzern von der Staatsoper wirklich die Eröffnung getanzt haben.“ Zusammen mit dem Staatsopernballett und auf Einladung des ehemaligen Direktors Ioan Holender und Ballettdirektors Renato Zanella haben Tänzer*innen mit und ohne Beeinträchtigung den Opernball eröffnet.

Ebenso besonders war der Opernball 2023 für die 27-jährige Antonia Bögner. Gemeinsam mit Christoph Juresa eröffnete sie den Opernball. Antonia lebt mit dem äußerst seltenen Dandy-Walker-Syndrom1 und ist ein Vorzeigebeispiel für kulturelle Inklusion. Seit 2010 tanzt sie bei „Ich bin O.K.“ mit und arbeitet nun auch im Social-Media-Bereich des Vereins. Für Antonia war die Erfahrung der Eröffnung auch aus gesellschaftlicher Sicht eine ganz besondere: „Da werden wir einmal wirklich richtig wahrgenommen als Personen, die eigentlich normal sind.“

Tänzer*innen von „Ich bin O.K.“, © Markus Hippmann

Für Attila Zanin ist die Eröffnung des Opernballs mit Menschen mit Behinderung ein zweischneidiges Schwert. „Einerseits bekommt man jährlich für einen Tag große mediale Aufmerksamkeit und viele Politiker*innen wollen plötzlich Fotos.“ Andererseits – sagt Zanin – schwindet die Aufmerksamkeit und das Interesse an kultureller Inklusion danach sehr schnell wieder. Nichtsdestotrotz arbeitet das Team von „Ich bin O.K.“ weiter hart daran, die Sensibilisierung der Gesellschaft zu stärken.

„Tanz ist non-verbal und international und es geht natürlich direkt ins Herz.“

Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine gab es im Tanzstudio von „Ich bin O.K.“ einen ganz besonderen Neuzugang. Die junge Ukrainerin Vicky ist seit 2022 kostenfrei dabei und fixer Bestandteil in den Tanzkursen des Vereins. Für Antonia Bögner sind Vicky und alle Menschen, die beim Verein mitmachen, wie eine große Familie: „Ich kann mir keine Welt mehr ohne sie vorstellen.“

„Mixed-abled dance“ am Vormarsch

Fähigkeitsgemischter Tanz2 erweist sich als erfolgreiches Modell für gesamtgesellschaftliche Inklusionsprozesse. Der aktuelle Forschungsstand von Susanne Quinten und Heike Schwiertz zeigt, dass die Teilnahme an solchen Programmen die Lebensqualität, die motorischen Fähigkeiten, sowie das soziale Selbstbewusstsein der Teilnehmenden erkennbar steigern. Zu den Erfolgsfaktoren dieses Projekts zählen etwa spielerische Zugänge, unterstützende Partnersysteme, sowie die Etablierung von Ritualen.

Weiters wirkt der fähigkeitsgemischte Tanz auch stark auf die Wahrnehmung von Behinderung und Tanzfähigkeit. Insbesondere jüngere Tänzer*innen lernen durch die gemeinsame Praxis, dass Tanzfähigkeit nicht an die Gehfähigkeit gekoppelt ist. Tanz wird zunehmend als Ausdrucksmittel und emotionale Aktivität wahrgenommen. Ebenso ist das gemeinsame Tanzen eine wesentliche Quelle für den Abbau von Ängsten und Vorurteilen.

Allerdings mangelt es an professionellen Ausbildungsmöglichkeiten für Tänzer*innen mit Behinderung. Ein erfolgreiches Training und ein passender Tanzkurs erfordert von den Lehrenden hohe Flexibilität und eine gute Vorabplanung individueller Unterstützungsbedarfe. Vereine wie „Ich bin O.K.“ wollen sich genau darauf fokussieren und stellen zahlreiche Plätze für Tänzer*innen mit und ohne Behinderung zur Verfügung.

Quellen:

Anzeige von Fähigkeitsgemischter Tanz – Der aktuelle Forschungsstand | Zeitschrift für Inklusion

Ich bin O.K. – Tanzverein für Menschen mit und ohne Behinderungen

Beitragsbild: Wito Zaar

  1. Dandy-Walker-Syndrom: seltene, angeborene Fehlbildung des zentralen Nervensystems. Es betrifft das Kleinhirn sowie die umliegenden flüssigkeitsgefüllten Räume und führt häufig zu Entwicklungsverzögerungen, motorischen Koordinationsproblemen und einem sogenannten Wasserkopf (Hydrocephalus) ↩︎
  2. Fähigkeitsgemischter Tanz (mixed-abled dance): inklusive Tanzform, die sich durch gemeinsames Tanzen von Menschen mit und ohne Behinderung, sowie Personen mit unterschiedlichen tänzerischen Vorerfahrungen und körperlichen Voraussetzungen auszeichnet ↩︎