Wenn feministische Kunst den öffentlichen Raum erobert

Street Art war lange eine Männerdomäne. Verändert sich das nun durch immer mehr feministische Kunst in Wien?

von Paulin Hirt

Born to be a feminist in geschwungener Schrift, über den Worten schwimmt eine Schildkröte. Ihr Panzer hat die Form einer Vulva. Zwei Mitglieder des feministischen Kollektivs Kimäre zeigen mir ihre selbstdesignten Sticker. 

Kunst im öffentlichen Raum hinterfragt gesellschaftliche Konstrukte – doch wer stellt diese Fragen? 

Street Art ist nach wie vor von Männern dominiert. Früher wurde die Kunst im öffentlichen Raum oft auf Kriminalität oder Vandalismus reduziert, und auch dabei wurde und wird stereotyp an Männer gedacht. Inzwischen gibt es in Wien auch immer mehr Möglichkeiten, legal Street Art zu performen. Beispielsweise durch das Projekt die Wienerwand. Ein Jugendkultur Projekt aus Wien, das aus Flächen in der Stadt besteht, auf denen frei und legal Graffiti performt werden darf.  

Seit einigen Jahren trifft man auf immer mehr feministische Kunst und Botschaften auf den Straßen Wiens. Ein Grund dahinter ist die zunehmende Zahl der Frauen in der Szene. 

Das seit zehn Jahren bestehende Kollektiv Kimäre verfolgt mit ihrer Street Art Motive des Protests. Hinter ihrer Vulva-Kunst steckt nicht eine bloße Trendwelle. Ihr Antrieb ist es Botschaften via Kunst aller Art zu senden, Werte zu vermitteln und eine gleichberechtigtere Welt voranzutreiben. Mit speziellem Hintergrundgedanken: „Friendly Protest“ so bezeichnen sie ihn. Dieser soll die Leute unterwandern, ohne sofort auf Widerstand zu stoßen.

Jede Vulva ist schön (Kollektiv Kimäre)

Politik – Kunst – Feminismus. Diese Ebenen stehen sich wohl um einiges näher als gedacht. 

Die Spezialistinnen der Vulva-Kunst setzen sich mit meiner banalen oder vielleicht doch nicht so banalen Frage auseinander:

Ab wann ist Kunst feministisch?

Für mich ist Kunst feministisch, wenn es ein politischer Ausdruck für die marginalisierte Gruppe von Flintas ist, wenn man da irgendwie Problematiken, Lebensqualitäten, Zugänge kreativ darstellt.“ – Kollektiv Kimäre

Für mich ist Kunst feministisch, wenn es ein politischer Ausdruck für die marginalisierte Gruppe von Flintas ist, wenn man da irgendwie Problematiken, Lebensqualitäten, Zugänge kreativ darstellt.“ – Kollektiv Kimäre

Street Art Künstler*innen verfolgen die unterschiedlichsten Motivationen, doch für das Kollektiv steckt ein wichtiger Grund hinter all dem, wieso Vulven in die Öffentlichkeit gehören. Sie erzählen von den vielen aufgesprayten oder gemalten Penissen, die man in der ganzen Stadt sieht. Ihre Anfangsidee war es also diese Penisse einfach mit ihren Vulva-Stickern zu überkleben. Dabei soll das ungleiche Verhältnis des romantisierten Penis und der tabuisierten Vulva aufgebrochen werden. So hat das Kollektiv im Laufe der Zeit bemerkt, wie nun vermehrt Vulven den öffentlichen Raum schmücken und Initiativen die Enttabuisierung thematisieren.

Wo sich Realität und Kunst trifft und trennt 

Sticker waren auch einer der Einstiege für die Künstlerin Ana Vollwesen. Sie hat Kunst schon immer fasziniert, seit Corona macht sie Street Art und hat damit begonnen, als sie den Mut dazu hatte zum ersten Mal an der Wienerwand zu malen. 

Nach Ana Vollwesen lässt sich  Street Art in verschiedene Szenen unterteilen – es gibt Street Art, Graffiti und Writing. Alles Formen der öffentlichen Kunst. Was die generelle Szene jedoch klar prägt, ist noch immer das ungleiche Geschlechterverhältnis. Allein das Existieren von Frauen in der Street Art ist von großer Bedeutung. Besonders der Zusammenhalt zählt. Das Unterstützen und Zusammentun der weiblich gelesenen Personen in der Street Art ist für Vollwesen das A&O im Sinne der Kunst am Weg zur Gleichheit. 

Gleichheit ist trotzdem ein recht utopischer Begriff. Doch was in der Gesellschaft als Konstrukt herrscht, gilt keinesfalls für die Kunst. Vor allem das macht sie sich gerne zum Gebrauch. Vollwesen versteht sich als politischer Mensch und möchte, dass auch ihre Kunst politisch ist. 

Ich setze mich mit der Welt, wie sie ist auseinander, aber ich nehme sie auch ganz gern auseinander. Ich schaue mal gern Systeme an. Ich seh Muster und ich denke mal, wie wär es, wenn es anders wär?“ – Ana Vollwesen

Ich setze mich mit der Welt, wie sie ist auseinander, aber ich nehme sie auch ganz gern auseinander. Ich schaue mal gern Systeme an. Ich seh Muster und ich denke mal, wie wär es, wenn es anders wär?“ – Ana Vollwesen

Ana Vollwesen (26.04.2026)
via Instagram: @vollwesen

Wie wäre es denn nun wirklich, wenn es anders wäre? Wenn Gleichheit in der Realität gelebt werden würde. Auch laut Vollwesen ist es eine Aufgabe der Kunst das Menschsein zu reflektieren und aktiv versuchen Antworten zu geben oder kritische Fragen zu stellen. Diese Fragen gehören dann direkt wieder an die Gesellschaft zurückgegeben. Wissen wir, wie wir es denn gerne hätten? 

Und vielleicht ist ja genau dieses Hinterfragen schon ein Protest in sich selbst. 

Ana Vollwesen (01.03.2026)
Muhaha! My soft energy field has more power than your ego.
via Instagram: @vollwesen

Quellen: