Obdachlosigkeit: „Nichts zu verlieren zu haben, hat auch etwas Schönes“

In Wien sind laut Statistik Austria über 10.000 Menschen von Wohnungs- und Obdachlosigkeit betroffen – doch wie ist es, wenn man kein eigenes Zuhause hat? Martin war selbst jahrelang obdachlos und gibt heute als Guide Einblicke in sein früheres Leben – ich habe mit ihm über die Zeit gesprochen.

Wenn Menschen bei Freunden oder in Notunterkünften unterkommen, sind sie wohnungslos. Martin war sechs Jahre lang obdachlos, er lebte auf der Straße. Bei seinen Touren berichtet er von seinem früheren Leben. Warum tut er das? „Es geht darum, Perspektiven zu schaffen. Menschen sollen eine Möglichkeit bekommen, sich ein bisschen in die Lage hineinzuversetzen und hoffentlich empathischer mit den Obdachlosen umzugehen.“

Martin macht bereits als Jugendlicher erste Erfahrungen in der Drogenszene. Mit 15 Jahren flieht er aus seiner Jugendwohngruppe, von da an lebt er ohne fixes Dach über dem Kopf. Diese Zeit bezeichnet er als „vergeudete Lebensjahre“.

„Das waren schon Tage wo ich mich gefragt habe: Keine Ahnung, wie diese Scheiße hier weitergehen soll. Jung war ich auch, oft betrunken. Sicher waren genug Momente, wo ich gesessen bin und mein Leben verflucht habe“

– Martin, ehem. Obdachloser

Als Martin seine heutige Freundin kennenlernt, finden sie gemeinsam einen Weg aus der Obdachlosigkeit – doch dieser gestalte sich oft schwierig. „Ohne Ausweis gibt‘s kein Postfach, und ohne Anschrift keinen Ausweis oder Job“. Martin sagt, er verdanke einer Mitarbeiterin der Suchthilfe Wien viel: „Die hat mir damals einfach geglaubt, wer ich bin“. Dadurch bekam er eine Adresse und konnte seine Papiere beantragen.

Später schließt sich Martin einer Gruppe Punks an, die seine Zeit ohne Dach über dem Kopf positiv prägen. Wenn er heute zurückdenkt, vermisst er auch etwas: „Den Zusammenhalt, den wir untereinander gehabt haben. Die Tatsache, dass wir gemeinsam im selben Boot gesessen sind. Und vor allem, nichts zu verlieren zu haben, hat auch was Schönes.“

Heute gibt Martin in seinen Touren Einblicke in sein ehemaliges Leben. Auf der Grünfläche im Hintergrund hat Martin jahrelang übernachtet.
© privat

Der holprige Weg ins neue Leben

Sabine Hanauer, Sozialarbeiterin in der Caritas-Obdachloseneinrichtung „Gruft“ bestätigt, dass neben psychischen Störungen und Suchterkrankungen vor allem bürokratische Hürden die Resozialisierung erschweren. Zudem würden die zunehmenden Online-Anträge den Eingliederungsprozess durch den fehlenden Zugang zum Internet behindern.

Verschiedene Lebensweisen, gleicher Treffpunkt

Trotz der vielen Hürden auf dem Weg aus der Obdachlosigkeit sieht die Sozialarbeiterin eine höhere öffentliche Aufmerksamkeit nicht vollends positiv: „Es ist ein bisschen ein zweischneidiges Schwert, weil wenn sie mehr wahrgenommen werden, erfahren sie vielleicht auch mehr Ablehnung. Es sind nicht immer alle glücklich darüber, wenn sich Obdachlose Menschen im öffentlichen Raum aufhalten“.

Viele Obdachlose würden sich für ihre Lage schämen, nicht gerne darüber sprechen. Daher empfiehlt sie Menschen, die auf obdachlose Menschen zugehen wollen, dies zu Beginn nur vorsichtig zu tun. „Wenn ein Obdachloser Mensch ablehnend reagiert, dann liegt es nicht daran, dass der dich nicht mag oder dass der schlecht drauf ist. Auch das gibt es natürlich. Aber meistens haben sie einfach Angst.“ Als ersten Schritt könne es schon helfen, ein entspanntes Gespräch zu führen und Vertrauen zu schaffen. Wenn man das nicht selbst übernehmen möchte, könne man sich auch jederzeit an die Gruft wenden. Dann versuchen Sozialarbeiter, die Person zu unterstützen.

„Wenn man sagt, man möchte einem Obdachlosen helfen, hilft man vielleicht auch schon, indem man sich ein bisschen unterhält mit ihm. Oder ihm irgendetwas bringt, was er sich sonst nicht leisten kann. Dann wundern sich die Leute immer: Warum wollte er einen Kebap? Ja, für dich ist es selbstverständlich, dass du gehst und dir einen Kebap holst, aber er hat kein Geld. Das ist wie ein Luxusgut für diese Menschen.“

– Sabine Hanauer, Sozialarbeiterin

Kontakte zu Hilfsangeboten:

Auch Martin versucht heute, obdachlose Menschen zu unterstützen. Er verschenkt regelmäßig Supermarkt-Gutscheine, „damit sie motiviert sind, sich von dem Geld etwas Sinnvolles zu kaufen“.

Was man von obdachlosen Menschen lernen kann

Sabine Hanauer hat in ihren elf Jahren als Sozialarbeiterin viele Situationen erlebt, von denen sie sich auch selbst etwas mitnimmt. So sei sie zu einem Mann in einer U-Bahn-Station gerufen worden, der nur in eine Decke gewickelt war. „Wir haben ihm dann Unterwäsche und was zum Anziehen gegeben. Er hat es gar nicht fassen können, dass er frische Unterhosen kriegt. Dann ist er am Gürtel gestanden und hat diese Unterwäsche einfach jedem Auto gezeigt, das vorbeigefahren ist, weil er sich so gefreut hat“. So habe sie von obdachlosen Menschen vor allem eines gelernt: Für Dinge dankbar zu sein, die für andere selbstverständlich sind.

Titelbild: ©iStock / Aleksandar Georgiev