Von der Schmiererei zur anerkannten Kunst

Von Hütteldorf bis Donaustadt, von Floridsdorf bis Favoriten und überall dazwischen prägt Graffiti das Wiener Stadtbild. Was früher als reine Provokation galt, ist heute ein fester Bestandteil der Stadtidentität.

Von: Julius Topf

Stefan Wogrin, der mit seinem Archiv SPRAYCITY über 150.000 Fotos gesammelt hat, sieht in Graffiti eine Form von Stadtgeschichte, eine Dokumentation dessen, was im öffentlichen Raum passiert. Doch mit der steigenden Akzeptanz stellt sich die Frage: Wie viel Subkultur steckt noch in der nun salonfähigen Kunst?

Von analogen Regeln zu YouTube-Tutorials

Der Einstieg in die Szene hat sich radikal verändert. Die Künstlerin SIUZ erinnert sich an ihre Anfänge im Waldviertel und in Wien, als der Zugang zu Informationen noch “wirklich analog und menschlich” stattgefunden hat. Damals musste sie Lackdosen oft noch unter der Hand bei Händlern zu günstigeren Preisen erwerben, da der reguläre Preis für Jugendliche kaum erschwinglich war. Heute hingegen ist der Einstieg durch das Internet oft nur einen Klick entfernt. Sie beobachtet, dass jungen Sprayern oft die “komplette soziale Komponente” fehlt: „Ich habe den Eindruck, das ist leider ein bissl verloren gegangen. Weil es glaubt ein jeder, er kann alles, er hat alles, er darf alles und es steht ihm alles zu.”

Trotz dieser digitalen Flut sehen SIUZ und Wogrin die Professionalisierung positiv, da sie zu einer “steigenden Akzeptanz” führt und Graffiti nicht mehr nur als Schmiererei, sondern als echte Kunstform anerkannt wird.

Partnerschaft vs. “erkaufte” Street-Credibility

Die wirtschaftliche Realität bringt neue Dynamiken mit sich. Für SIUZ ist die Arbeit mit Kunden eine echte Partnerschaft, bei der sie sich nicht verbiegen muss. Sie erklärt und betont, dass dieser externe Input ihren Horizont und ihre Technik erweitert: “Ich nutze das sozusagen als Motor, als Treibstoff, um über Dinge hinaus zu gehen, die ich normalerweise als freischaffende Künstlerin mache.“

Stefan Wogrin blickt kritischer auf die kommerzielle Nutzung durch große Firmen. Er warnt vor kultureller Aneignung: “Ich finde es schade, wenn man versucht, dieses urbane Image von Graffiti für kommerzielle Zwecke zu nutzen”. Er sieht die Gefahr, dass Akteure von außen versuchen, sich damit nur “Street-Credibility einzukaufen”.

Die Notwendigkeit des Illegalen

Auch mit steigender Professionalisierung und Akzeptanz sind illegale Werke für beide ein wichtiger Teil der Kultur. SIUZ findet hier klare Worte: “Ich kann mir eine Welt ohne illegales Graffiti nicht vorstellen. Das gehört einfach dazu.” Auch für Wogrins wissenschaftlichen Anspruch ist die Dokumentation des Illegalen unverzichtbar, denn “um natürlich einen Gesamtkontext zu finden, muss man eben alles dokumentieren“. Zudem stellt er klar, das die Qualität eines Werkes nicht an dessen Legalität gebunden ist. “Ich glaube, prinzipiell, es kann auch im illegalen Bereich Qualität entstehen. Auch wenn es im Zeitdruck entsteht und ein bisschen schwieriger ist.”

Illegales Graffiti in der Guneschgasse im 19. Bezirk – Foto von Julius Topf

Stadtgeschichte aus der Sprühdose

Graffiti in Wien hat sich professionalisiert, ohne seine Wurzeln gänzlich zu verlieren. Für SIUZ ist es eine schöne Entwicklung, dass Künstler*innen heute durch ihre Arbeit finanziell überleben und so ihre künstlerische Position schärfen können. Gleichzeitig sorgt die Arbeit von Stefan Wogrin dafür, dass diese flüchtigen Spuren der Bewohner*innen als Teil der Wiener Stadtgeschichte für die Zukunft bewahrt werden. Auch wenn Trends in der österreichischen Hauptstadt oft zeitverzögert ankommen, so Wogrin, zeigt die aktuelle Dynamik, dass Graffiti ein unverzichtbares Zeichen von Leben im öffentlichen Raum bleibt. Die Kommerzialisierung hat die Sprühdose also nicht zerstört, sondern ihr vielmehr eine dauerhafte Bühne im Bewusstsein der Stadt verschafft.

Titelfoto von Julius Topf