Merinowolle kratzt nicht, riecht nicht nach Schweiß und wärmt hervorragend. Doch um das kuschelige Naturmaterial herzustellen, werden meist Lämmer verstümmelt – das brutale Verfahren nennt sich „Mulesing“. Wie läuft diese Praxis ab, warum ist sie immer noch Standard und welche tierfreundlichen Alternativen gibt es?
von Jordana Brandner

Lämmer nach dem Mulesing-Eingriff mit deutlichen Verletzungen im hinteren Körperbereich.
Credit: VIER PFOTEN
Wenigen wochenalten Lämmern werden große Hautstreifen im Bereich des Afters und der Genitalien weggeschnitten. Zurück bleibt kahle, vernarbte Haut am Gesäß. Dieser Eingriff soll verhindern, dass sich die gefährliche Schafschmeißfliege dort einnistet und ihre tödlichen Larven ablegt. „Mulesing“ – ein Begriff, den die meisten Konsument:innen noch nie gehört haben. Nur die wenigsten hinterfragen, unter welchen Bedingungen die Wolle für ihre Funktionsshirts tatsächlich produziert wird.
Wie genau leiden die Lämmer während des Mulesing-Verfahrens?
Aus Sicht des Österreichischen Tierschutzvereins ist diese Praxis absolut inakzeptabel. Demnach führt das Wegschneiden der Hautfalten zu heftigen akuten Schmerzen und massivem, tagelangem Stress. Diese drastisch erhöhten Cortisolwerte im Blut konnten wissenschaftlich nachgewiesen werden. Auch die Zeit nach der Verstümmelung ist für die Tiere eine Qual: „Sie zeigen weniger Aktivität, fressen und spielen kaum noch und meiden jeglichen Kontakt“, sagt Alexios Wiklund vom Tierschutzverein. Die Wundheilung dauert oft viele Wochen und geht häufig mit schweren Entzündungen einher. Zudem zeigen betroffene Schafe langfristige Verhaltensstörungen wie extreme Angst vor Menschen sowie eine verzögerte Gewichtszunahme.
Einen tieferen Einblick in die Realität auf den Farmen bietet das Aufklärungsvideo von VIER PFOTEN auf YouTube. (Achtung, sensible Bilder!)
Zertifikate: Ein Kompass im Siegel-Dschungel
Für Johannes Heiml vom Konsumentenschutz der Arbeiterkammer Oberösterreich besteht ein großes Informationsdefizit: „Viele Menschen haben wenig Ahnung, wo Merinowolle herkommt und unter welchen Bedingungen die Betriebe sie produzieren.“. Doch nur transparente Aufklärung ermögliche eine bewusste und ethische Kaufentscheidung im Geschäft. Wer beim Einkaufen Tierleid ausschließen möchte, steht vor einer großen Herausforderung. Zertifizierungen spielen hier eine zentrale Rolle. Der Konsumentenschutz Oberösterreich verweist insbesondere auf den Responsible Wool Standard (RWS) sowie den Global Organic Textile Standard (GOTS). Diese Siegel verbieten Mulesing strikt und bieten eine verlässliche Orientierung. Allerdings sind sie keine hundertprozentige Garantie für ein rundum perfektes Tierwohl im Alltag der Farmen. Um Licht ins Dunkel zu bringen, bietet der Konsumentenschutz Initiativen wie den umfassenden „Fair Fashion Guide“ an, der positive und nachhaltige Beispiele in der Mode- und Sportbranche gezielt sichtbar macht.

Die offiziellen Siegel zur Orientierung beim Einkauf: Global Organic Textile Standard (GOTS) und Responsible Wool Standard (RWS).
Credit GOTS: Global Standard gGmbH / global-standard.org
Credit RWS: Textile Exchange / textileexchange.org
Ein Blick in die Praxis: Wie es besser geht
Dass es auch ohne Tierquälerei funktioniert, beweist die Praxis. Ein österreichisches Unternehmen, das sich von Beginn an konsequent gegen Mulesing positioniert hat, ist die oberösterreichische Sportmarke SCROC. „Es war von Anfang an unsere oberste Prämisse, dass das Tierwohl an erster Stelle steht“, betont Marketingleiterin Ines Pecinovsky im Gespräch. Kund:innen erfahren genau, woher die Wolle stammt, und alle Partnerfarmen sind auf der Firmen-Website transparent einsehbar.
Obwohl Australien mit rund 70 Millionen geschorenen Schafen jährlich und etwa 80 Prozent der weltweiten Merinowolle-Produktion das absolute Zentrum der Industrie bildet, wählt SCROC ausschließlich Betriebe aus, die nachweislich auf Mulesing verzichten. Prüfer:innen kontrollieren diese Farmen regelmäßig und teilweise mehrfach pro Jahr, um die Einhaltung der strengen Tierschutzstandards zu garantieren.
Der Weg aus der Krise
Zwar gibt es längst schmerzfreie und nachhaltige Alternativen wie gezielte Zuchtprogramme für schafschmeißfliegen-resistente Schafe, ein besseres Weidemanagement oder die mechanische Parasitenkontrolle. Viele Großbetriebe scheuen diese Methoden jedoch, weil sie zeit- und kostenintensiver sind als der schnelle Griff zum Messer. Am Ende entscheidet deshalb der Griff ins Kleiderregal.
Quellen:
- Interview mit Johannes Heiml (Konsumentenschutz der Arbeiterkammer OÖ)
- Interview mit Ines Pecinovsky (Marketingleiterin der Sportsmarke SCROC)
- E-Mail-Korrespondenz mit Alexios Wiklund (Österreichischer Tierschutzverein)
- FAQ zur Lämmerverstümmelung (https://www.vier-pfoten.at/ueber-uns/faq/faq-zu-mulesing)
- Beitragsbild Credits: VIER PFOTEN