„I can fix you“: Wie asexuelle Menschen bei Dating-Apps zu kurz kommen

Dating-Apps wie Tinder oder Bumble basieren auf visueller Anziehung. Für asexuelle Personen ist Partnersuche im Netz deshalb oft eine Herausforderung.

von Linda Kinzelt

„Was ist das denn für ein Bullshit, eine Beziehung ohne Sex? Wie soll das denn funktionieren?“  sind typische Antworten, die die heute 20-jährige Catharina auf Datingplattformen lesen musste. Dass sie asexuell ist, weiß sie bereits, seit sie 14 Jahre alt war.

Etwa die Hälfte aller Österreicher:innen geben an, schon einmal Online-Dating-Plattformen genutzt zu haben. Ein Like, ein Swipe: auf den Apps entscheidet man innerhalb weniger Sekunden über Sympathie und Attraktivität. Doch wie funktioniert dieses Konzept, das auf Oberflächlichkeiten beruht, für Menschen, die diese Form der Anziehung nicht kennen?

Keine Anziehung ist kein Problem

Wie Qwien.at erklärt, bedeutet Asexualität wenig bis keine sexuelle Anziehung gegenüber anderen zu spüren. Das ist keine temporäre Phase, hat weder mit bestimmten Ereignissen oder Zölibat zu tun. Schätzungen zufolge sind etwa ein Prozent der Weltbevölkerung auf dem asexuellen Spektrum. Libido und sexuelle Anziehung, körperliche Nähe und Beziehung: das sind Dinge, die – gerade für asexuelle Personen – nicht unbedingt zusammenhängen müssen.

Asexuelle Pride-Flagge. Quelle:https://unsplash.com/de/fotos/eine-gruppe-von-menschen-mit-regenbogenflaggen-vor-einem-gebaude-W2FGiAYg_1c

Genau deshalb suchen auch asexuelle Personen nach Partnerschaften. Auf der Dating-App „Boo“ hatte Catharina in ihrem Profil stehen: ich bin asexuell. Ihre Inbox füllte sich. Oft allerdings mit Neugierigen. Auf zwei Dinge stößt man ihr zufolge besonders oft: Unwissenheit und Unverständnis. „Unwissen, dafür können die Leute ja nichts. Es ist eine Minderheit, viele Artikel oder Bücher darüber gibt es nicht“, sagt Catharina, „Aber ich finde es unangenehm, eine betroffene Person so viel zu fragen. Google ist kostenlos.“

Sie stieß auch auf Menschen, die ihre Grenzen nicht respektiert haben. Am Anfang noch normaler Smalltalk, „ein paar Tage später kam dann die Nachricht: hast du nicht doch Lust auf ein Hookup? Kann man dich nicht doch irgendwie überzeugen?“

Für Catharina war ihre zweimonatige Online-Dating-Erfahrung vor allem anstrengend. Echte Alternativen sieht sie aber nicht. Zwar gäbe es Plattformen rein für asexuelle Menschen, aber laut Catharina seien diese im deutschsprachigen Raum kaum genutzt.

Abwesend und unsichtbar

„Das Schwierigste an Asexualität ist aber, glaube ich, dass es eine Abwesenheit von etwas ist. Es ist weniger offensichtlich und dadurch auch weniger sichtbar“, erklärt Emma. Die 22-jährige Studentin identifiziert sich ebenfalls als asexuell, hat jedoch auch positive Erfahrungen mit dem Online-Dating gemacht.

Ihr fällt es schwer, zu erkennen, ob Leute Interesse an ihr haben. Denn sie weiß nicht, wie sich Anziehung anfühlt. „Und genau deswegen fand ich Online-Dating eigentlich ideal.“ Denn: dass es ein Date ist, ist von Anfang an klar kommuniziert, Missverständnisse können keine entstehen.

Seit eineinhalb Jahren sind Emma und ihr Freund nun zusammen, den sie über „Bumble“ kennengelernt hat. Durch die Beziehung, aber auch ihre Datingerfahrungen, habe sie viel gelernt: Es ist ihr egal, wie eine typische Beziehung gesellschaftlich aussehen soll. Sie findet: „Es ist viel schöner, wenn man einfach darauf schaut: was passt für uns als Individuen?“.

Aber auch Emma wurde auf den Plattformen oft nicht ernst genommen. „Ich kann mir vorstellen, dass der Grund oft nicht war, dass Leute das nicht gelesen haben. Sondern eher dachten: I can fix you.“ („ich kann dich heilen“).

Nicht ernst genommen werden, ein Problem, mit dem viele queere Menschen zu kämpfen haben.

Beziehung neu denken

Und was müsste sich jetzt ändern, damit das Dating für asexuelle Personen besser funktionieren könnte? Laut Catharina bräuchte es eigene Plattformen für Menschen auf dem asexuellen Spektrum und mehr Akzeptanz und Verständnis in der Gesellschaft. Die 20-Jährige meint, das Hauptproblem sei, dass es in der Gesellschaft gewisse, fest verankerte Bilder von Beziehungen gibt: „Man könnte doch auch anfangen, andere Beziehungsmodelle sichtbarer zu machen.“.

Asexualität bietet auch für die breite Gesellschaft einen Mehrwert: Hinterfragen von Beziehungsstrukturen. Bis dahin bleibt Online-Dating für viele asexuelle Menschen ein Raum, in dem sie sich erst erklären müssen, bevor sie überhaupt gesehen werden.

Service: Community für Asexuelle Menschen in Wien/Österreich: https://www.acearo.at

Quellen