Ein unangenehmer Blick, ein unangemessener Kommentar oder das Gefühl, lieber den Waggon verlassen zu wollen. Solche Situationen in den Wiener U-Bahnen sind für viele Frauen alltäglich. Auch wenn die öffentlichen Verkehrsmittel in Wien als sicher gelten, fühlen sich viele unsicher.
Von: Charlotte Mayr
Die Wienerin Katharina Ressl fühlt sich oft unwohl, wenn sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist. Besonders ein Erlebnis ist ihr im Kopf geblieben: Ein älterer Mann setzte sich neben sie und starrte ihr auffällig in den Ausschnitt. Zuerst verschränkte sie ihre Arme, später wechselte sie den Sitzplatz. Niemand im Abteil reagierte. Als sie ihm erneut begegnete, sprach sie den Mann direkt an und machte deutlich, dass sie sein Verhalten bemerkt hatte. Wieder griff niemand ein und sie verließ den Platz. Das solche Erfahrungen kein Einzelfall sind, zeigt auch eine Masterarbeit aus dem Institut für Verkehrswesen der Universität für Bodenkultur (Boku) mit dem Namen „Unangenehme Situationen im Zuge der Alltagsmobilität von Frauen und ihre Auswirkungen“. Rund ein Drittel der Befragten gab an, mindestens einmal während ihrer Alltagsmobilität belästigt worden zu sein. Ressl hat mittlerweile gelernt, sich nicht einschüchtern zu lassen und konfrontiert unangenehme Begegnungen.
Der Schlüssel: Bewältigungskompetenz
Die Mobilitätsforscherin Juliane Stark vom Institut für Verkehrswesen der Universität für Bodenkultur Wien bezeichnet das als Bewältigungskompetenz. Das Wissen, sich selbst verteidigen zu können, ist ein wichtiger Teil des Selbstschutzes für Frauen. Dabei spielen objektive und subjektive Sicherheiten eine Rolle. Während sich die objektive Sicherheit an messbaren Zahlen und Fakten orientiert, beschreibt die subjektive persönliche Ängste und Unsicherheiten. Diese sei schwer messbar, erklärt Stark: „Was subjektiv als Unsicherheit wahrgenommen wird, muss nicht unbedingt mit der objektiven Sicherheit zusammenhängen.“ Dennoch dürfte dieses persönliche Gefühl nicht ignoriert werden, da es das Mobilitätsverhalten vieler Menschen beeinflusse.

Damit die Angst nicht mitfährt
Gerade bei neuen U-Bahn-Konzepten stellt sich die Frage, wie Sicherheit gestaltet werden kann. In Diskussion sind etwa Frauenwaggons, die in Metropolen in Asien bereits üblich sind. Stark sieht solche Maßnahmen kritisch: Zwar können sie Frauen mehr Sicherheit vermitteln, andererseits bestehe die Gefahr, traditionelle Rollenbilder zu verstärken. Ressl sieht das als Betroffene ähnlich skeptisch. Frauen könnte dadurch indirekt die Verantwortung zugeschoben werden, selbst für ihre Sicherheit sorgen zu müssen.
Neben sozialen Maßnahmen sind auch bauliche Veränderungen wichtig. In manchen Wiener U-Bahnstationen, etwa der U2-Station Volkstheater, gibt es jetzt Bahnsteigtüren. Ressl fühlt sich davon zwar nicht subjektiv sicherer, aber: Niemand könne dadurch auf die Gleise stürzen oder Gegenstände hineinwerfen. Solche Maßnahmen würden zumindest zur allgemeinen Sicherheit beitragen.
Helfen kann auch die Gestaltung der Räume und Waggons: Gute Beleuchtung, helle Materialien und einsehbare Stationen ohne verwinkelte Bereiche stärken das Sicherheitsgefühl. Noch wichtiger sei die Anwesenheit von Personal. Menschen vor Ort geben Orientierung und Sicherheit. Die Wiener Linien haben dafür täglich 300 Sicherheits- und Servicedienstmitarbeiter*Innen im Einsatz.
Zivilcourage zeigen
Sowohl Stark als auch Ressl betonen die Bedeutung von Zivilcourage. Laut Stark passieren Belästigungen häufig gerade in vollen Verkehrsmitteln, weil dort mehr Menschen unterwegs sind und daher auch mehr Vorfälle auftreten können. Ressl hätte sich in ihrer Situation mehr Unterstützung erhofft. Obwohl mehrere Personen die Situation bemerkt hatten, griff niemand ein. Sie wünscht sich gezielte Kampagnen von den Wiener Linien. Diese könnten Fahrgäste dazu ermutigen, bei Belästigung nicht wegzusehen. Die Wiener Linien antworten auf Anfrage, aus Ressourcengründen keine Fragen zur Thematik beantworten zu können. Stattdessen verweisen sie auf bestehende Informationskampagnen zum Thema Sicherheit für Frauen in öffentlichen Verkehrsmitteln.
Für Ressl bedeutet Sicherheit im öffentlichen Verkehr vor allem eines: „Das ich mich frei bewegen kann, ohne daran denken zu müssen, ob ich alles dabei habe, um mich zu schützen, ob ich passend angezogen bin oder ob ich mich richtig benehme. Dass ich mir keine Sorgen machen muss, ob etwas passieren wird.“ Vielleicht wird genau das in Zukunft der entscheidende Maßstab sein: Nicht nur wie sicher ein System ist, sondern wie frei sich die Menschen darin fühlen.
Quellen:
Titelfoto von Laura Lezman auf unsplash