Gefangen im Feed: Wenn ein Pensionist handysüchtig wird

Von: Vivien Heinrich

2:00 Uhr nachts. Ein dunkles Schlafzimmer. Nur das kalte, blaue Licht eines Smartphones beleuchtet Peters Gesicht und stimuliert sein Nervensystem. Sein YouTube-Algorithmus kennt längst die Interessen des 71-Jährigen und flutet ihn mit klimaaktivistischen Videos und Umweltthemen. Peter verliert nachts die Kontrolle über sein Verhalten. Ein Video führt zum nächsten. „Ich wollte das Handy endlich weglegen und schlafen, aber ich kann mich nicht beherrschen.“ Sein problematisches Handyverhalten fällt nicht nur ihm selbst auf. Auch seine Frau und die Familie sprechen ihn darauf an. Schließlich sucht Peter Hilfe.

Die Diagnose ist eindeutig: Peter leidet unter einer Handysucht. Oliver Scheibenbogen, Leiter des Bereichs Klinische Psychologie an der Suchtklinik Anton Proksch Institut, erklärt, dass eine Sucht erst vorliegt, wenn drei eindeutige Diagnosekriterien über einen längeren Zeitraum von mindestens einem Jahr zutreffen.

Das erste Kriterium ist Kontrollverlust. Das bedeutet, dass sich Internet- und Handygebrauch intensiviert. Wenn man sich zum Beispiel vornimmt, nur eine Stunde online zu sein, und am Ende werden daraus vier, fünf oder mehr Stunden.

Das zweite Kriterium tritt ein, wenn der Fokus nur mehr auf dem Internet liegt und alles andere vernachlässigt wird – zugunsten der Internet- und Handynutzung.

Das dritte Kriterium ist die Beibehaltung des Konsums trotz negativer Konsequenzen. Etwa können Freundschaften vernachlässigt werden.

„Wichtig ist außerdem: Eine Sucht kommt selten allein“, so Scheibenbogen. Dahinter stecken oft psychische Probleme wie Angststörungen, Depressionen, soziale Ängste oder Konflikte. Viele flüchten davor ins Internet – das ist Eskapismus. Es wirkt wie ein Selbstmedikationsversuch, verschlimmert die Situation aber langfristig.

Auch bei Peter zeigt sich das:
Er ist tagsüber erschöpft, nicht mehr so präsent wie früher und trägt Schuldgefühle mit sich. Wenn man sich Handysucht vorstellt, denkt man wohl kaum an einen rüstigen Pensionisten. Aber Peter ist die Ausnahme der Regel.

Früher war er EDV-Experte, und seit seiner Pension verbringt er fast jede freie Minute mit seinem Handy. Besonders belastend für Peter ist die psychische Erkrankung seines Sohnes. Das Internet stellt für ihn einen Zufluchtsort dar, wo der wissbegierige Peter Antworten auf seine Fragen erhält. Selbst beim Essen mit seiner Frau oder den Enkelkindern übertönen die Fragen in seinem Kopf den Moment.

Edith Simöl vom Institut für angewandte Telekommunikation arbeitet in der digitalen Seniorenbildung und betont, dass der Übergang in die Pension eine sensible Phase ist. Die Tagesstruktur fällt weg, soziale Kontakte verändern sich. Einsamkeit kann entstehen – und damit auch die Gefahr, sich in Ersatzwelten zu verlieren. „Welche Sucht es dann wird, ist oft eine Frage der Verfügbarkeit“, sagt Simöl. „Früher vielleicht Alkohol, heute vielleicht das Smartphone.“ Viele ältere Menschen in unseren Kursen nutzen digitale Medien vor allem als Werkzeug zur Information, Organisation oder Kommunikation. Lange Nutzungszeiten seien daher nicht automatisch problematisch. „Man muss klar unterscheiden“, sagt Simöl.

„Sucht bedeutet Entzugserscheinungen, Kontrollverlust und ein Fliehen aus der Realität.“

Scheibenbogen betont, dass besonders ältere Menschen, die technikaffin sind und gleichzeitig unter Einsamkeit leiden, gefährdet sind. „Smartphones sind längst auch in der älteren Generation angekommen – selbst bei den über 85-Jährigen nutzt eine große Mehrheit digitale Geräte.“ Das Problem ist, dass digitale Kommunikation kurzfristig Nähe vermitteln kann, wie etwa eine Nachricht, ein Like oder eine schnelle Antwort. Langfristig kann sie jedoch zu psychischen Problemen führen, etwa im Extremfall zu einer Sucht.

Braucht es mehr Aufklärung bei älteren Menschen über Social Media Verhalten?
„Ja, auf jeden Fall.“ so Scheibenbogen. „Ähnlich wie bei anderen Süchten steigt auch hier das Konsumverhalten oft mit der Pensionierung. Gleichzeitig gibt es viele Risiken in der digitalen Nutzung, und ältere Menschen sind oft weniger vertraut damit. Deshalb braucht es gezielte Aufklärungsarbeit.“

Quellen: https://www.api.or.at/sucht-abhaengigkeit/internet-und-gamingsucht/

https://ambulanz.sfu.ac.at/de/erwachsene/angebote/verhaltenssuechte/therapie-und-beratungsstelle-fuer-mediensucht

https://orf.at/stories/3410793