Wie nachhaltig baut Wien?

Lärm und Baustellen sind in Wien nichts Außergewöhnliches. Laufend werden Gebäude abgerissen und wieder neu aufgebaut. Aber ist das auch zukunftstauglich?

Von Lucia Pirker

Der Bausektor verursacht mittlerweile ein Drittel der weltweiten CO2-Emissionen und befeuert somit den Klimawandel, beschreiben die Autor*innen einer Studie, erschienen im Fachjournal „Communications Earth and Environment“ der Peking University. Auch in Wien hat dieses Thema längst Einschlag gefunden und es gibt inzwischen viele Institutionen, die nachhaltig und kreislaufwirtschaftlich bauen.

Innovation im Bausektor

Helene Pattermann arbeitet im Climate Lab in Wien, ein Innovationszentrum für Kreislaufwirtschaft und Klimaneutralität. In dem Leitprojekt „Kraisbau“ für eine nachhaltige und zirkuläre Bauwende, beschäftigt sie sich unter anderem mit der Anwendung von künstlicher Intelligenz bei Bauprojekten. Diese soll dabei helfen, Gebäude genau zu analysieren – ein digitales Modell zu erstellen – und mithilfe dessen Daten für die spätere Verwertung von Rohstoffen zu generieren. „Für Entscheidungshilfen, zum Beispiel wie ein Haus weiterverwendet, und der Abbruch verhindert werden kann“, erklärt Pattermann. Die Wiederverwendung von Bauteilen wie Türen, Fenster oder Holzbalken bei Sanierungsarbeiten steht ganz im Sinne des Kreislaufes. Für die Erreichung der Klimaziele sollte jedoch nur noch saniert werden und gar nicht mehr neu gebaut, meint Pattermann.

Viele Hürden auf dem Weg

Es erscheint für Laien unlogisch, aber bislang sind Second Hand Rohstoffe aus dem Bausektor meistens noch viel teurer als Neuwertige. Die finanzielle Hürde stellt so das Hauptproblem dar. Dadurch, dass in Österreich Arbeitsleistung höher besteuert ist, als Rohstoffe es sind, macht es das oft billiger, neue Rohstoffe zu verbrauchen. Arbeitszeit in die Reparatur, das Recycling oder die Kreislaufwirtschaft zu investieren, wäre um einiges teurer. Auch Fördergelder kommen hier häufig zu kurz. Es brauche ohne Zweifel noch viel Bewusstseinsbildung, meint Pattermann vom Climate Lab: „Es ist noch viel Luft nach oben. Aber durch die Verknappung der Rohstoffe und des Platzes werden wir wahrscheinlich in ein, zwei Jahrzehnten keine andere Wahl mehr haben. Ich bin optimistisch, dass eine Bauwende kommen wird. Wo ich nicht so optimistisch bin, ist, dass wir alles rechtzeitig machen.“

Eine soziale Komponente im Bauwesen

Auch in Teilen des zirkulären Bausektors findet sich ein wichtiger Sozialfaktor wieder: Die Genossenschaft „BauKarusell“ integriert österreichweit sozialwirtschaftliche Einrichtungen wie die „Kümmerei“ von Job-TransFair in die Baubranche. Dieser Vorgang nennt sich „Social Urban Mining“, also der Rückbau von Gebäuden vor dem Abriss, bei dem verwertbare Materialien durch langzeitarbeitslose Menschen händisch getrennt und für die Wiederverwendung aufbereitet werden. Markus Meissner, Abfallwirtschaftsexperte und einer der Vorstände von „BauKarusell“ sagt: „Das Hauptziel ist, dass wir Personen meistens in sechs Monatsaufträgen so weit stabilisieren und in ein Arbeitsumfeld einführen, dass sie bessere Chancen haben, am ersten Arbeitsmarkt wieder unterzukommen.“ Zum Beispiel wurde 2025 die Technisch-Gewerbliche Abendschule des BFI in Wien von „BauKarusell“ rückgebaut. Der vermeintlich wertlose Bauschutt kann so in wiederverwendbares, ökologisches Kapital verwertet werden und gleichzeitig soziale Perspektiven für Menschen schaffen, die es am Arbeitsmarkt schwer haben.

Bauarbeiter von Job-TransFair an der Technisch-Gewerblichen Abendschule des bfi Wien. Foto: Gerd Kressl
Bauarbeiter von Job-TransFair an der Technisch-Gewerblichen Abendschule des BFI Wien. Foto © Gerd Kressl (Pressefoto BauKarusell)

Zukunftstauglich?

In Wien wird nachhaltig ab- und aufgebaut, vereinzelt sogar mit sozialer Integration. Nichtdestotrotz ist der Anteil einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft im Bausektor noch eine Nische. Eine Nische, die aber von Jahr zu Jahr größer wird. Meissner von „BauKarusell“ meint: „Die Veränderung findet statt und die Veränderung hat vor ein paar Jahren einen riesigen Schub bekommen. Wir sind in einer Phase der Transformation, die vor allem personengetrieben ist.“ Mit klugen Köpfen, die sich gezielt für Nachhaltigkeit einsetzen, mit Innovation und Mut zu einem neuen Bausystem, scheint also noch nichts verloren zu sein.

Titelfoto © Daniel Hinterramskogler (Pressefoto BauKarusell)

https://www.baukarussell.at/
https://climatelab.at/
https://www.jobtransfair.at/de/home
https://www.kraisbau.at/
https://www.nature.com/articles/s43247-025-02840-x