Mit dem Blindenstock durch Wien

Eine reibungslose Navigation durch die Stadt ist nicht selbstverständlich. Blinde und Menschen mit Sehbehinderung müssen sich auf andere Sinnesorgane verlassen als ihre Augen. Doch wie barrierefrei sind die Straßen Wiens für sie wirklich?

Von Marlis Lauth


Montag, 7:30 Uhr am Urban-Loritz-Platz, Stoßzeit. An einer Kreuzung steht eine Gruppe Menschen auf einer Reihe leicht erhabener, weißer Streifen. Ihre gestressten Blicke sind auf die Ampel und die fahrenden Autos gerichtet. Dass die Leute auf einem taktilen Blindenleitsystem stehen, scheint keinem aufzufallen. Doch Blinde und Menschen mit Sehbehinderung sind bei der Navigation durch die Straßen Wiens von den Leitsystemen abhängig.


Wie navigiert man blind durch Wien?

Um die Orientierung auf der Straße zu ermöglichen, müssen akustische und taktile Sinneswahrnehmungen berücksichtigt werden. Akustische Leitsysteme berufen sich auf den Gehörsinn, während taktile Leitsysteme darauf basieren, dass sich die Person mit Händen, Füßen oder zusätzlichen Hilfsmitteln vorantasten kann. Dafür gibt es in Wien Ampeln mit akustischen Signalen, die die Rot- und Grünphasen durch unterschiedliche Geräusche anzeigen. Zur Navigation von A nach B dienen die taktilen Leistreifen am Boden, die mit dem Langstock oder den Füßen zu ertasten sind.

Laut einer Presseaussendung der Stadt Wien wurde erst im Jahr 1972 die erste akustische Ampel in Betrieb genommen. Seitdem müssen die Blindenleitsysteme laufend erweitert werden. “Mir kommt vor, nur vom letzten Jahr oder anderthalb Jahren, ist das Leitlinien-System extrem gewachsen. Es ist nicht immer die perfekte Lösung, aber es gibt dann an Orten Leitlinien, wo früher einfach keine waren”, erzählt Philipp Huber. Der 32-jährige Sozialarbeiter ist seit seinem achten Lebensjahr sehbehindert und seit vier Jahren offiziell blind. Sein Sehvermögen hat sich stetig verschlechtert. Mittlerweile kann er nur noch Licht- und Kontrastunterschiede wahrnehmen und verwendet unter anderem einen Blindenstock zur Navigation im Alltag. Nach seinem Umzug aus der Obersteiermark musste er sich vollständig blind mit der fremden Stadt vertraut machen.


Handys als moderne Hilfsmittel

Eine zusätzliche Form der Orientierung bietet die Digitalisierung. Auf der Website des Blinden- und Sehbehindertenverbandes wird erklärt, wie die “WienMobil” App der Wiener Linien als Navigation verwendet werden kann. Huber erzählt, dass er außerdem die Website “Poptis” verwendet, um sich genaue Wegbeschreibungen im U-Bahn-Netz geben zu lassen. Doch auch hier sieht er noch Verbesserungsbedarf. Viele Bus- und Straßenbahnstationen seien nicht ausreichend gekennzeichnet. Eine Lösung dafür könnten genaue GPS-Koordinaten darstellen. “Wenn man so ein Verzeichnis hätte, wüsste man schon in welcher Umgebung man sich befindet und dass man die Haltestelle, und vor allem auch die Richtung von der Haltestelle, als GPS-Koordinaten hat”, meint Huber.


Das Problem mit den Hindernissen

Als betroffene Person stellen alltägliche Objekte im öffentlichen Raum regelmäßig Probleme dar. Huber erklärt, dass sogenannte “unterlaufbare Gegenstände” zwar gesetzlich nicht mehr auftreten sollten, aber trotzdem regelmäßig ein Hindernis darstellen. Beispiele dafür sind Postkästen oder Mistkübel, die nicht bis zum Boden reichen. Mit dem Blindenstock sind sie dadurch nicht ertastbar und werden zu einer Stolpergefahr. Temporäre Hindernisse wie Sommer-Schanigärten oder Baustellen sind ebenfalls oft nicht ausreichend gekennzeichnet. “Da ist man schon froh, wenn sie überhaupt abgesichert sind und man nicht hineinfällt”, schildert Huber. 

Die Anpassung der Barrierefreiheit der Stadt Wien erfolgt unter der MA28, der Abteilung für Straßenverwaltung und Straßenbau. Die Beratung erfolgt vor allem durch den Blinden- und Sehbehindertenverband, sowie durch die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs. Offizielle Zahlen dazu, wie flächendeckend die Systeme bereits ausgebaut sind, sind auf der Website der Stadt Wien nicht angegeben. Im Online-Stadtplan sind sie jedoch graphisch dargestellt. Eine Interviewanfrage zu dem Thema wurde von dem Sprecher der MA28 abgelehnt, aufgrund eines Mangels an zeitlichen Ressourcen. 

Mit dem Ausbau sind die Leitsysteme zu einem gewohnten Teil des Stadtbildes geworden. Eine stetige Verbesserung erfordert auch die Achtsamkeit von Nicht-Betroffenen. Lücken in den Leitsystemen können direkt bei der MA28 gemeldet werden. Obwohl die blinde Navigation durch Wien großteils möglich ist, gibt es einen stetigen Bedarf, bessere Barrierefreiheit zu schaffen.

Quellen:

https://wien.orf.at/stories/3014223

https://www.wien.gv.at/verkehr/blindenleitsysteme-und-poller

https://presse.wien.gv.at/2004/07/21/200-ampel-mit-blindenakustik-in-betrieb-genommen

https://www.blindenverband-wnb.at/wissenswertes/hilfsmittel-smartphones/8-wienmobil