Endometriose: Wie man die Krankheit erkennt, und was man dagegen tun kann

Jede 15. Frau ist von Endometriose betroffen. Trotzdem ist diese chronische Krankheit noch zu wenig bekannt – der Gynäkologe René Wenzl erklärt, was Betroffenen helfen würde.

Von Elisabeth Kalis

Ein Ziehen im Unterbauch, Kopfschmerzen, Müdigkeit. Symptome, die viele als „Teil des Frauseins“ abtun – so unscheinbar fängt es oft an. So war es auch bei der damals 15-jährigen Anna Mindl. 

Zwei Jahre später ist sie gerade auf dem Weg zur Schule, als sie plötzlich in der U-Bahn kollabiert. „Ich konnte nicht mehr aufstehen, habe mich übergeben und hatte Migräneanfälle.“ 

Annas Alltag ist ein Beispiel eines Krankheitsbildes, welches sich individuell und unterschiedlich stark äußert. Was folgt, ist kein klarer Diagnoseweg, sondern ein jahrelanges Abtun: Schmerzmittel, Eiseninfusionen, Schulterzucken. Nach etlichen Arztbesuchen erhält sie mit 20 Jahren endlich eine Diagnose: Endometriose.

Dabei handelt es sich um eine gutartige, aber mühsame und oft schmerzhafte chronische Erkrankung, bei der sich Gewebe, welches der Gebärmutterschleimhaut (=Endometrium) ähnelt, nicht in der Gebärmutter befindet, sondern anderswo ansiedelt. Etwa an Eierstöcken, Darm oder Blase, in seltenen Fällen auch in Lunge oder Gehirn. Wie das normal sitzende Endometrium reagieren die außerhalb liegenden sogenannten Endometrioseherde auf Hormone. Daher wachsen und bluten sie im Zyklus mit. Der Körper erkennt, dass die Gebärmutterschleimhaut an einem falschen Platz ist und versucht diese abzuwehren. Das wiederum löst Entzündungsreaktionen aus. Laut dem Menstruationsgesundheitsbericht des Bundesministeriums für Gesundheit aus dem Jahr 2024 ist mindestens jede 15. gebärfähige Frau betroffen. Die Medizinische Universität Wien geht zudem von einer hohen Dunkelziffer aus. 

Jahrelange Schmerzen ohne Antwort

Der Leidensweg ist dabei nicht nur körperlich. „Am schlimmsten ist, dass dir von den Ärzten gesagt wird, dass es psychosomatisch sei“, erzählt Anna über negative Erfahrungen. 

Aus diesem Grund relativierte sie ihre Schmerzen oft auch selbst.

Wie bei Anna ist der Weg zu einer Diagnose oft lang. Dabei hat sich medizinisch einiges getan: Statt invasiver Operationen, wie einer Bauchspiegelung, können Ärzt*innen heutzutage – in den meisten Fällen – Endometriose mittels Ultraschalluntersuchung erkennen. Eine gute Anlaufstelle dafür ist das Endometriosezentrum im AKH Wien, das der Gynäkologe René Wenzl leitet. „Wenn eine Frau dauerhafte Zyklusbeschwerden hat, sollte sich alsbaldig ärztlich untersuchen lassen“, sagt Wenzl im Interview. „Wenn Schmerzen die Lebensqualität über Monate hinweg massiv beeinträchtigen, sollte das abgeklärt werden.“ 

Frau mit Wärmeflasche. Quelle: Magnific.com

Zwischen Schmerzmanagement und Aufklärung

Selbst wenn Anna an manchen Tagen kaum aus dem Bett kommt, versucht sie sich nicht von der Krankheit einschüchtern zu lassen. Therapie bedeutet für sie kein „Heilen“, sondern „Managen“. In ihrem Alltag setzt die 20-jährige Studentin auf eine strenge, entzündungshemmende Ernährung, Wärmepflaster, TENS-Gerät (Transkutane elektrische Nervenstimulation) oder auch Nahrungsergänzungsmittel wie z.B. Zink, Mönchspfeffer und Magnesium. 

Laut Wenzl könnten Nahrungsergänzungsmittel ein vielversprechendes additives Therapiekonzept sein, an dem bereits geforscht wird. Fängt man rechtzeitig an, könne man vielleicht die Schmerzerinnerung eindämmen, die Einprägung im zentralen Nervensystem abgefangen und dadurch die Chronifizierung unterbinden.

Derzeit gilt auch medizinisch: individueller Zugang statt allgemeinem Schema. Je nach Ausprägung und Lokalisierung der Zysten und Herde können Schmerztherapie, Hormone oder Operationen das Mittel der Wahl sein. Ergänzend rücken Lebensstilfaktoren in den therapeutischen Fokus: Bewegung, Stressreduktion, Ernährung.

Selbst mit Diagnose bleibt der Alltag zäh. Es herrscht teils mangelnde Akzeptanz in Annas Umfeld und gesellschaftliche Bagatellisierung; Schmerzen bleiben nach wie vor Privatsache. Daher wünscht sich Anna mehr Verständnis und Aufklärung in der Öffentlichkeit. In der Schule hat sie nichts über Endometriose gelernt. Auch Wenzl sieht Schulen als ersten wichtigen Kontaktpunkt zum Thema Endometriose und Frauengesundheit. „In der Schule, sind auch Burschen dabei. Auch die können mit einbezogen werden, genauso wie der Partner mit einbezogen gehört.“

Anlaufstellen für Betroffene in Wien:

Endometriosezentrum der Medizinischen Universität Wien am AKH Wien
Selbsthilfegruppe für Endometriosebetroffene in Wien und Umgebung
Endometriosespezialambulanz Klinik Ottakring

Quellen:

Experteninterview mit Prof. Dr. Med. René Wenzl

Website Prof. Wenzl: https://www.rene-wenzl.at/endometriose/

Website Endometriosezentrum der Medizinischen Universität Wien am AKH Wien: https://frauenheilkunde.meduniwien.ac.at/ueber-uns/unsere-abteilungen/klinische-abteilung-fuer-allgemeine-gynaekologie-und-gynaekologische-onkologie/patientinneninformation/ambulanter-besuch/arbeitsgruppe-fuer-endometriose/endometriosezentrum/

Menstruationsgesundheitsbericht 2024: https://www.sozialministerium.gv.at/Services/Aktuelles/Archiv-2024/praesentation-menstruationsgesundheitsbericht-2024.html

Website MedUniWien:

https://www.meduniwien.ac.at/web/ueber-uns/news/detailseite/2019/news-im-maerz-2019/endometriose-bis-zu-300000-frauen-in-oesterreich-betroffen

Bildquellen:

www.magnific.com