Mehrere Personen gleichzeitig romantisch lieben? Für viele ist das kaum vorstellbar. Polyamorie bedeutet nicht nur mehrere Liebesbeziehungen parallel zu führen, sondern auch mehr Organisation und Kommunikation.
Von: Klara Rois
Für Rosa war eine polyamore Beziehung jahrelang undenkbar. Heute lebt die 30-Jährige bereits seit drei Jahren genau dieses Beziehungsmodell. Sie und ihre Beziehungsperson führen zusätzlich jeweils weitere Partnerschaften mit anderen Personen, ganz unabhängig von ihrer eigenen. Das ist aber lange nicht die einzige Konstellation, in der Polyamorie existieren kann, weiß Stefan Ossmann, Lehrender und Forschender zu Sexualität, Liebe, Identitäten und alternativen Beziehungsmodellen an der Universität Wien. In seinem Buch „10 Antworten auf die 10 großen Fragen der Polyamorie“ definiert er Polyamorie als eine konsensuale Beziehung zwischen mehr als zwei Personen, basierend auf der Emotion Liebe und intimen Praktiken über einen längeren Zeitraum. Polyamorie basiert nicht nur auf körperlicher Intimität, sondern ebenso auf emotionaler Verbundenheit. Dadurch grenzt sie sich klar von offenen Beziehungen ab, bei denen die Beziehung zu weiteren Personen rein sexueller Natur ist. Schätzungen zufolge leben in Österreich aktuell etwa 40.000 Menschen polyamor.
„Ich habe keinen Besitzanspruch an einen Menschen“
Die Entwicklung von einer monogamen zu einer polyamoren Partnerschaft kam für Rosa und ihre Beziehungsperson vor drei Jahren schleichend. Ihre Partnerin hatte sich damals in jemand weiteren verliebt. Rosa war dabei von Anfang an klar: „Es macht für mich keinen Sinn einer Person, die ich liebe, zu sagen, du darfst nicht so fühlen wie du fühlst. Ich habe keinen Besitzanspruch an einem Menschen.“ Trotzdem sei auch sie vor Eifersucht nicht gefeit, meint die 30-Jährige. Seitdem sie ihre Beziehung polyamor führt, habe sie viel über sich selbst gelernt und darüber, wie sie mit negativen Gefühlen umgehen kann: „Wenn Eifersucht da ist, darf sie da sein, aber sie darf nicht alles bestimmen.“ Auch Stefan Ossmann betont, dass jede Person ihren eigenen Umgang mit Eifersuchtsgefühlen finden muss, ganz gleich welches Partnerschaftsmodell sie lebt.
Polyamorie erfordert Planung
Ossmann widerspricht in diesem Zuge einem häufigen Vorurteil: „Häufigster Konflikt- oder Trennungsgrund ist in polyamoren Beziehungen meist nicht die Eifersucht, sondern die knappen Faktoren Zeit und Aufmerksamkeit. Der Tag hat nur 24 Stunden.“ Diese Zeit muss man in polyamoren Konstellationen neben Schlaf, Arbeit und Hobbys auf mehrere Personen aufteilen. Das erfordert einen hohen Grad an Organisation, Planung und Absprache, je nachdem wie viele Menschen involviert sind. Diese Probleme kennt auch Rosa nur zu gut. Ihre zweite Beziehungsperson sieht sie lediglich alle fünf bis sechs Wochen, da die beiden eine Fernbeziehung führen. Einen gemeinsamen Termin zu finden, der in den Terminkalender aller Beteiligten passt, gestaltet sich oft als eine Herausforderung und erfordert viel bewusste Kommunikation.

Polyamore Beziehungen können unterschiedliche Formen annehmen und beruhen auf dem Einverständnis aller Beteiligten. (ATC Comm Photo/Pexels)
Rechtlich noch unsichtbar
Auch wenn die Pflege ihrer Beziehungen einiges Organisation benötigt, schöpft Rosa viel Kraft und Energie aus der Zeit mit ihren Liebsten. Zu diesen zählt sie jedoch nicht nur ihre romantischen Beziehungen, sondern genauso ihre tiefen und langjährigen Freundinnenschaften. Sie wünscht sich für polyamore und andere alternative Beziehungsmodelle eine Möglichkeit zur rechtlichen Absicherung. Derzeit sind viele gesetzliche Regelungen in Österreich, etwa das Erb-, Ehe- oder Sorgerecht, ausschließlich auf monogame Partnerschaften ausgelegt. Dahingehend zeichnet Ossmann für die Zukunft keine positive Prognose. Bislang hat keine Partei in ihrem Wahlprogramm zum Thema alternative Beziehungsmodelle Stellung bezogen. „Solange es niemand einfordert, sind wir ganz weit weg davon, alternative Beziehungsmodelle rechtlich absichern zu können.“ Es existiert zwar eine Aktivismus-Szene, diese zeigt sich laut Ossmann jedoch zurückhaltend, wenn es um politische Forderungen geht.
Mehrere Personen gleichzeitig zu lieben, bleibt gesellschaftlich vielfach mit Vorurteilen behaftet. Anhand von Rosas Erfahrungen wird deutlich, wie vielfältig Beziehungskonstellationen gestaltet werden können. Aus rechtlicher und politischer Perspektive bleiben jene Beziehungen bislang aber beinahe unsichtbar. Ein Zeichen dafür, wie eng Vorstellungen von Partnerschaften immer noch gedacht werden.
Quellen:
Titelbild Schreibmaschine: Markus Winkler auf Pexels https://www.pexels.com/de-de/foto/tippen-schreiben-beziehung-vintage-18500692/
Bild Herz aus Händen: ATC Comm Photo https://www.pexels.com/de-de/foto/menschliche-hande-die-herz-auf-weisser-oberflache-bilden-305530/
Buch von Stefan Ossmann „10 Antworten auf die 10 großen Fragen der Polyamorie“: https://www.goldegg-verlag.com/titel/die-welt-der-polyamorie-was-weiss-die-forschung/
Polyamorie Aktivismus Österreich: https://polyamory.at/