Raubt uns das Handy die Zwischenmenschlichkeit?

Social Media simuliert menschlichen Kontakt – doch der digitalen Nähe fehlt die echte Tiefe. Wird das Scrollen und Chatten zum Ersatz für reale Begegnungen, entsteht schleichend ein soziales Defizit.

Von Leonie Tritscher

Ein Bild, das jeder kennt: In der U-Bahn herrscht Schweigen, die Blicke sind starr auf die Handys gerichtet. Dass es auch anders geht, zeigt Marlene H. Die 18-jährige Schülerin beteiligte sich an einem österreichweiten Experiment und verzichtete drei Wochen lang komplett auf ihr Smartphone. Zuvor war sie die „typische“ Handy- Nutzerin: Vier Stunden Bildschirmzeit pro Tag, mit TikTok als Hauptzeitfresser. Nach dem Experiment denkt Marlene zurück und erzählt von einem Gefühl der Freiheit, dem Ende des permanenten Drucks der Erreichbarkeit und Raum für neue Interessen. Plötzlich war sie wieder im Hier und Jetzt. Im Bus entsteht spontan ein Gespräch mit einer fremden Oma.

Obwohl sie heute wieder ähnlich viel Zeit am Display verbringt, hat das Experiment ihren Blick geschärft. Sie nimmt die sozial isolierende Wirkung des Smartphones nun bewusst wahr und geht offener durch den Alltag. Marlenes Erfahrung zeugt von einer gesellschaftlichen Realität: Das Handy ist für viele zu einer sozialen Ersatzleistung geworden. Doch die digitale Kompensation hat Nebenwirkungen.

In öffentlichen Verkehrsmitteln blicken die meisten auf ihr Handy, statt auf ihre Mitmenschen. Suprising_Media/Pixabay

Thematische Nischen und Rabbitholes

Handynutzer*innen kennen es: Man will nur eben kurz aufs Handy schauen und plötzlich sind zwei Stunden vergangen. Dieses Phänomen tritt vor allem auf Social Media oder bei Videospielen auf. Medienpädagoge Christian Lechner-Barborić von der SI-Academy spricht in diesem Zusammenhang von Filterblasen (wenn Algorithmen dir immer nur Inhalte zeigen, die zu deinen bisherigen Interessen und Meinungen passen) und Rabbitholes (das tiefere Hineingezogenwerden in ein Thema, bei dem man sich von einem Inhalt zum nächsten klickt und dabei völlig die Zeit vergisst). Apps wie Instagram und TikTok sind durch ihre Algorithmen strategisch darauf ausgelegt, Nutzende in thematische Nischen zu ziehen.

Wie extrem die Nischen unsere Realität beeinflussen können, beschreibt Lechner-Barborić im Interview anhand eines realen Falls aus Österreich: Ein eigentlich unbescholtener Familienvater beschimpfte und drohte einer Journalistin im Netz. Der Grund? Seine Facebook-Timeline war durch die Algorithmen zu einer reinen Filterblase mutiert, die ihm ausschließlich (teils manipulierte und veraltete) Berichte über Delikte von Migrant*innen einspielte. „Der hat nur noch irgendwelche Straftaten eingespielt bekommen […] und das kann natürlich auch die ganze Weltansicht unter Umständen verändern“, erklärt der Medienpädagoge.

Viele unterschätzen Filterblasen und Rabbitholes auf Social Media Plattformen. Pixelkult/Pixabay

Algorithmen und Isolation

Hinter diesen algorithmisch verzerrten Weltanschauungen stecken kalkulierte psychologische Prinzipien. Die Programmlogik zielt auf ständige Ausschüttung von Dopamin aus, die absichtlich an die Bildschirme fesseln und zu suchtähnlichem Konsum führen. Die Folge: Soziale Isolation. Ein Extrembeispiel für eine solche, durch das Smartphone befeuerte soziale Isolation ist das Phänomen der „Hikikomori“. Der Begriff stammt aus dem Japanischen und beschreibt meist junge Menschen, die sich monatelang vollständig in den eigenen vier Wänden verbarrikadieren und jeden realen Kontakt meiden. Das Smartphone fungiert dabei oft als digitaler Fluchtraum.

Um dieser extremen Isolation entgegenzuwirken, betont Lechner-Barborić, wie essenziell reale Gegenwelten sind:„Es ist ganz wichtig, dass die Kinder Alternativen haben zu digitalen Medien. Wo in dem Fall genau diese Sozialbedürfnisse, Anerkennung oder Wertschätzung erfüllt werden. Man merkt das vor allem bei Kindern, die gut integriert sind in die Gesellschaft, wo es einfach viele Möglichkeiten gibt.“

Soziale Kompetenz auf dem Spiel

Neben der Gefahr der Wahrnehmungsverzerrung und der sozialen Isolation birgt die problematische Handynutzung weitere Risiken: Die digitale Welt befeuert den ständigen sozialen Vergleich und kann zu einem spürbaren Vertrauensverlust in die Mitmenschen führen (zeigen eine Schweizer Studie und Daten einer Erhebung des österreichischen Sozialministeriums) – eine gefährliche Dynamik, die Isolation begünstigt und soziale Kompetenzen verkümmern lässt. So sehr das Smartphone kurzfristig das Bedürfnis nach Nähe befriedigen kann, so sehr verkehrt sich dieser Effekt bei einem problematischen Konsum ins Gegenteil. Das Gerät wird dann oft als dysfunktionaler Bewältigungsmechanismus genutzt, der psychische Symptome langfristig nur noch vervielfacht. Dass es dafür jedoch gleich einen radikalen, totalen Handyverzicht braucht – wie das eingangs erwähnte Experiment zeigt – findet Lechner-Barborić nicht. Fest steht für ihn jedoch: Ohne ein bewusstes Gegensteuern im analogen Alltag gerät die digitale Balance schnell ins Wanken.

Handyzeit ist nicht gleich verlorene Zeit. Vielmehr kann die digitale Welt ein Werkzeug sein, so Lechner- Barborić. Und ein Werkzeug ist bekanntlich immer nur so gut wie die Hand, die es führt. Wird das Smartphone bewusst und reflektiert genutzt, entfaltet es enorme positive Potenziale. Ob Jugendliche ein altes Kochbuch der Uroma digital neu inszenieren, sich kreativ ausleben, am globalen Tagesgeschehen teilhaben oder sich in sicheren Communities wie der LGBTQIA+Szene vernetzen: Am Ende entscheidet nicht das Gerät über die sozialen Auswirkungen, sondern die Medienkompetenz derer, die davor sitzen.

Quellen:

Titelbild: Pexels/Pixabay

https://mpfs.de/app/uploads/2024/11/JIM_Studie_2010.pdf

https://www.sozialministerium.gv.at/dam/jcr:25697618-2689-4f2e-8eb3-

https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12098952