Vererbte Armut, verminderte Chancen: „Ich bin dann einfach daheim geblieben“

Mila ist eines von 100.000 armutsgefährdeten Kindern in Wien – und ein Beispiel dafür, wie der sozioökonomische Hintergrund nach wie vor die Bildungschancen prägt.

Von Anna Dirrigl

Mila1 ist neun Jahre alt und besucht die dritte Klasse einer Wiener Volksschule. Ihr Lieblingsfach ist Deutsch, vor allem das Schreiben macht ihr Spaß und sie liebt es zu lesen. Mathe findet sie „doof“, das ist zu schwierig, auch Englisch fällt ihr eher schwer. Mila lebt mit ihren drei Geschwistern und ihrer Mutter in einer kleinen Wohnung im elften Wiener Gemeindebezirk. Bei ihr zuhause ist es oft laut. „Bei uns ist immer so viel los, da kann ich mich oft nicht einmal auf die Geschichte konzentrieren“, erzählt Mila mit ihrem Lieblingsbuch „Sternenschweif“ im Arm.

So wie Mila geht es vielen Kindern in Wien, denn Armut ist kein Randphänomen. Laut der Stadt Wien leben rund 100.000 Kinder hier in Armut oder sind akut armutsgefährdet. Beengte Wohnverhältnisse sind nur eine von vielen Herausforderungen. Hinzu kommen soziale, kulturelle und gesundheitliche Belastungen. Vor allem im schulischen Kontext bedeuten weniger finanzielle Mittel gleich weniger Chancen.

Die Auswirkungen zeigen sich im Alltag ganz konkret – und zwar oft schon beim Frühstück. Kommt ein Kind mit leerem Magen und ohne Jausenbox in die Schule, kann es sich schlechter konzentrieren. Dadurch leiden die Leistungen, die das Kind in der Schule erbringt, was zu schlechteren Noten führt.

Weiter geht es bei Hausübungen, denn die sind ein Thema, bei dem das häusliche Umfeld massiven Einfluss hat. Milas Mama zum Beispiel kann ihr nicht helfen, wenn sie mal wieder verzweifelt am Küchentisch vor ihren Matheaufgaben sitzt. Das Essen kocht über, ihr kleiner Bruder braucht eine neue Windel und irgendwo weint ein weiteres Kind. Da bleibt keine Zeit, um sich mit Mila hinzusetzen und sie bei den Aufgaben zu unterstützen.

Ihre Lehrerin hat ein YouTube Video empfohlen, dass die Kinder sich anschauen können, wenn sie Schwierigkeiten mit dem neuen Stoff haben. Doch ein eigenes Handy hat Mila nicht, auch kein Tablet oder Laptop. Manchmal darf sie das Handy ihrer Mama benutzen, doch an diesem Tag traut Mila sich nicht danach zu fragen. „Mama war gestern in der Nachtschicht. Da ist sie dann immer müde und schreit mich manchmal an.“

Außerschulische Förderung für Mila gäbe es zwar, die kann sich die Familie jedoch nicht leisten. Das österreichische Schulsystem hat in diesem Aspekt große Lücken. Förderangebote, Utensilien zum Üben, Nachhilfe, Nachmittagsbetreuung – all das kostet Geld. Geld, das Familien wie Milas nicht zur Verfügung steht.  

Hanna Lichtenberger von der Volkshilfe Wien erklärt:

„Grundsätzlich ist es so, dass das österreichische Bildungssystem kennzeichnet, dass es sozial sehr undurchlässig ist und eher zur Reproduktion von sozialen Status als zu sozialem Aufstieg führt. Wie lange dauert es, um diese Vererbung von Armut zu überwinden? In Österreich besonders lang. Das Bildungssystem hat daran einen großen Anteil.“

Das österreichische Bildungssystem setzt sehr stark auf die Arbeit der Kinder zuhause. Durch diese Verschiebung in den privaten Raum, in dem jeden andere Umstände erwarten, entsteht ein großes Ungleichgewicht. Kinder aus sozioökonomisch schwacher aufgestellten Familien haben so Nachteile gegenüber ihren Mitschüler:innen. Ihre Eltern können sie zum Beispiel weniger bei den Hausübungen oder beim Lernen unterstützen da sie arbeiten, sich um mehrere Kinder kümmern müssen oder kein gutes Deutsch sprechen.

Trotz allem ist Mila ein aufgewecktes und lebensfrohes Mädchen. Sie weiß, dass ihre Mama ihr hilft, wo sie kann. Sie weiß aber auch, dass sie es schwerer hat als manche ihrer Freunde. Sie spürt schon jetzt, dass sie mehr tun muss als andere, um am selben Ziel zu landen.

Das spürt Mila vor allem wenn es um Ausflüge oder Projekte in der Schule geht. Ein Ausflug auf die Eislaufbahn, Bücher für den Unterricht oder Materialien für ein Bastelprojekt. Ein paar Euro, die nicht mal eben jeder zur Hand hat. „Als wir einen Ausflug in den Trampolinpark gemacht haben, mit meiner Klasse da hat meine Mama gesagt, dass ich zur Lehrerin gehen soll und ihr sagen soll, dass wir uns den Eintritt nicht leisten können“ erzählt Mila. Sie traue sich aber nicht, mit ihrer Lehrerin zu sprechen. „Ich bin dann einfach daheim geblieben an dem Tag. Mit meinen Brüdern zu spielen war auch schön“ sagt sie.

Milas Geschichte ist nur eine von vielen. Jedes Kind hat individuelle Hürden, die es zu überwinden gilt. Bei manchen Kindern sind es jedoch mehr. Diese Kinder brauchen Hilfe, damit die Hürden nicht zu unüberwindbaren Hindernissen werden. Denn jedes Kind verdient die gleiche Chance. Unabhängig davon, wie viel Geld seine Familie hat.

  1. Name zum Schutz der Protagonistin geändert. ↩︎

Hilfsangebote und Unterstützung für Familien

Quelle: Symbolbild Kinderarmut