Fanliebe oder Gewaltkultur? Wenn die Kurve brennt

Das Wiener Derby im Februar 2026 endete in schweren Ausschreitungen und harten ÖFB-StrafenSeither kocht die Debatte über die Sicherheit in Österreichs Fußballstadien immer wieder hoch. Doch entspricht das Bild der gewalttätigen Ultras der Realität? Wir haben uns in der organisierten Fanszene umgehört.

Von: Elias Hirtenlehner

Es sind noch über vier Stunden bis zum Anpfiff, doch die Anspannung im Umfeld des Rapidstadions in Wien-Hütteldorf ist bereits spürbar. Theo ist mit anderen Ultras in den frühen Morgenstunden angereist, um die letzten Vorbereitungen für die Choreografie zu treffen. Nach einem kurzen Austausch von Höflichkeiten macht er sich mit seiner Gruppe auf den Weg zum Einlass.

Rapid Wien – Austria Wien am 25.02.2024
Quelle: Privat

Wenig später im Block-West: Der Geruch von Pyrotechnik liegt in der Luft. Ein grün-weißes Fahnenmeer verdeckt die Sicht auf den Rasen, tausende Kehlen singen im selben Rhythmus :„Seht‘ ihr die Fahnen weh’n wir wollen euch siegen seh’n“, und Theo steht mittendrin.

Theo ist Mitte 20, arbeitet in einem Eloxalwerk und heißt in Wirklichkeit anders, aber aus Angst vor Anfeindungen aus den eigenen Reihen wollte er für diesen Bericht nur anonym zitiert werden. Schließlich ist er Teil der „Ultra“-Szene. Dieser Begriff wird in der Öffentlichkeit oft mit Gewalt gleichgesetzt.

Dazu sagt Theo: „Die Leute sehen nur das, was sie wollen. Sie sehen die Raufereien und Pyros, aber sie sehen nicht die Wochen an Arbeit, die in einer einzigen Choreografie stecken. Ein anderer geht Laufen, wir gehen halt ins Stadion“, erklärt er in der Halbzeitpause. Für ihn sind die 90 Minuten im Stadion kein bloßes Hobby – sie sind zu seinem Lebensinhalt geworden. Doch während er Fahnen schwingt und Choreografien mitgestaltet, dominieren am nächsten Tag meist ganz andere Bilder die Berichterstattung: Ausschreitungen, Polizeieinsätze und das Wort „Gewalt“. Er selbst habe aus nächster Nähe mitbekommen, wie gewalttätig die Szene sein kann; selbst Gewalt ausgeübt habe er aber nie.

Zwischen kreativer Arbeit und harten Strafen

Hinter der Wand aus Gesängen und Transparenten steckt ein durchstrukturierter Alltag, der weit über das übliche Fan-Dasein hinausgeht. Das Bild der gewalttätigen Kurve, wie der organisierte Fanblock im Stadion auch genannt wird, ist tief in den Köpfen verankert. Besonders nach dem Wiener Derby im Februar 2026 kochten die Emotionen hoch, als Pyrotechnik-Geschosse in Richtung des Familiensektors flogen und es zu Handgemengen mit der Polizei kam. Fans warfen mit Becher und pyrotechnischen Gegenständen. Die Polizei erstattete Anzeige gegen 117 Personen.  Auch der ÖFB verhängte daraufhin harte Strafen – unter anderem einen temporären Verzicht auf Auswärtsfans bei den Derbys gegen die Wiener Austria. Die mediale Berichterstattung scheint sich seither fast ausschließlich auf die Minuten, in denen die Situation eskaliert zu fokussieren. So titelte etwa der Kurier: „Wiener Derby kurz unterbrochen: Rapid-Fans schießen Leuchtraketen aufs Feld“.

Der Verein im permanenten Spagat

Der Fußballverein SK Rapid ist bemüht, zwischen Gewalt und bloßem Fandasein zu differenzieren. Auf Anfrage erklärt die Pressestelle des SK Rapid, die aktive Fanszene sei ein wesentlicher und positiver Teil des Vereinslebens. Gleichzeitig distanziere sich der Club in aller Deutlichkeit von jeglicher Form von Gewalt. „Eine Handvoll Einzeltäter darf nicht das Image von tausenden friedlichen Rapid-Fans beschädigen“. Man wehre sich in der öffentlichen Kommunikation vehement auch gegen eine pauschale Kriminalisierung der gesamten Kurve.

Dennoch steht der Club unter permanentem Druck von Sponsoren, Bundesliga und Politik. Die harten Sanktionen des ÖFB, nach den Vorfällen im Frühjahr 2026, hat der SK Rapid akzeptiert und die Aufarbeitung intern vorangetrieben. So schreibt der Verein in einer Presseaussendung über das Urteil: „Zudem wird der SK Rapid weiter eng mit den zuständigen Behörden zusammenarbeiten und jede Unterstützung leisten, um zur Identifizierung jener Personen, die Böller und Leuchtraketen abgefeuert haben, beizutragen.“

Dialog auf Augenhöhe als Ziel für die Zukunft

Die Zusammenarbeit mit der Landespolizeidirektion Wien beschreibt die Pressestelle auf Anfrage als „hochprofessionell“. Dennoch fordert Rapid auch hier „eine Kooperation auf Augenhöhe“. Ziel sei es daher, Sicherheitsvorgaben so umzusetzen, dass nötige Fan-Freiräume und ein emotionales Stadionerlebnis gewahrt bleiben.

„Wir sind nur gegen die, die nicht Rapid sind“

Trotz der anhaltenden Unruhen und des negativen Images denkt Theo nicht ans Aufhören. Für ihn ist der Block ein Ort der Freiheit und der Identität. „Hier ist es egal, was du arbeitest oder was du machst. Es ist egal wo du herkommst. Wir sind nur gegen die, die nicht Rapid sind“, fügt er hinzu und lacht schelmisch.

Rapid Wien - Red Bull Salzburg 26.04.2026

Rapid Wien – Red Bull Salzburg am 26.04.2026
Quelle: Privat

Die Grenzen zwischen leidenschaftlicher Unterstützung und grenzüberschreitender Gewalt bleiben schmal. Das Ziel für die Zukunft bleibt der Dialog auf Augenhöhe zwischen Fans, Vereinen und der Polizei. Nur so kann sichergestellt sein, dass der Fokus auf den 90 Minuten liegt, in denen nur der Fußball zählt.

Quellen:

  1. Artikel Kurier: https://kurier.at/sport/fussball/rapid-austria-derby-fans-boeller-pyrotechnik-unterbrechung/403131833
  2. Presseaussendung Rapid Wien: https://www.skrapid.at/aktuelles/2026/02/beschluss-des-senats-1-nach-dem-348-wiener-derby/