Wo der Flughafen kurz innehält

Hochzeiten, Taufen, Freitagsgebete – und das mitten im Flughafen Wien. Seit über vierzig Jahren gibt es hier Räume, die Reisenden und Angestellten etwas bieten, das im Terminal sonst Mangelware ist: Ruhe.

Von Lorenz Filla

Der Eingang zum frei zugänglichen Andachtsraum im Terlinal 3
Der Eingang zum frei zugänglichen Andachtsraum in Terminal 3. Bild: Lorenz Filla
Sobald die Tür des Andachtsraumes ins Schloss fällt, wird es still. Audio: Lorenz Filla

Von einer Hochzeit, einer Taufe bis zur Notfallseelsorge hat Pfarrer Joe Farrugia am Flughafen schon viel erlebt. Der klein gewachsene, knapp 80 Jährige Malteser ist Pfarrer des Flughafen Wiens. Er spricht neun Sprachen und hält jeden Sonntag eine Messe am Flughafen.

„Wir haben uns getraut! Die erste katholische Hochzeit am Flughafen Wien. Mit dem besten Pfarrer und seinem Team! Vielen dank für diesen unvergesslichen Tag!“ – Ulli & Wolfgang

Er weiß allerdings nie, ob überhaupt jemand kommt und ihm zuhört. Denn anders als bei seiner Stadtpfarre – der Votivkirche – gibt es am Flughafen kaum eine Kerngemeinde. Angestellte müssen sich nach ihren Dienstzeiten richten, Passagiere nach ihren Abflugzeiten.

Pfarrer Joe Farrugia erzählt von den Herausforderungen der Flughafenpfarre. Audio: Lorenz Filla

Die Seelsorge als Teil des Flughafens

Neben Pater Farrugia arbeitet am Flughafen ein Team an professionellen Seelsorger*innen, das auch außerhalb der Messen und Gebete ein offenes Ohr für Passagiere und Angestellte hat. Laut Farrugia herrschen am Flughafen dieselben Probleme wie in der Stadt, nur verdichtet. „Unsere Tür ist immer offen für alle“, heißt es im Flyer der Seelsorge. „Es hat sich auch mit der Zeit herumgesprochen, dass es bei uns guten Kaffee gibt“, erzählt er mit einem Schmunzeln.

Freitags macht der Pfarrer immer seinen Rundgang durch den Flughafen. Dabei kommt er mit den Leuten ins Gespräch. Nach mittlerweile 42 Jahren am Airport kennt man ihn bereits: Als Farrugia schließlich selbst als Passagier verreiste, fragten einige der Angestellten verwundert: „Heute ist aber nicht Freitag, was machst du hier?“

„Ich bin wirklich überrascht, dass es sowas hier gibt. Es hat mich sehr glücklich gemacht, sehr viel Toleranz, Fortschritt im Denken gezeigt. Vielen Dank für den Besitzer dieser großartigen Idee.“ – Beitrag im Gästebuch der Seelsorge

Gestaltung der Gebetsräume

Die drei Andachtsräume sind sowohl landseitig als auch vom Transitbereich zugänglich. Sie sollen für alle da sein, egal welche Glaubensrichtung. Neben der katholischen Messe am Sonntag beten Muslime jeden Freitag gemeinsam. Vor allem bei der Gestaltung der Räumlichkeiten musste die Wiener Flughafenseelsorge jedoch einiges beachten. Die Andachtsräume sind möglichst neutral gehalten, um keine religiösen Gefühle zu verletzen. Auf einem Tisch liegen die heiligen Bücher verschiedener Religionen auf und es sind alle notwendigen Utensilien zum Gebet vorhanden. An der Wand hängt ein kleines Tabernakel mit einem ewig brennenden Licht. Für das muslimische Gebet haben Farrugia und sein Team extra eine Ecke für die rituelle Waschung eingerichtet und am Boden einen Pfeil aufgemalt, der die Himmelsrichtung nach Mekka anzeigt. Allen Gläubigen obliegt jedoch selbst die Entscheidung, welche Symbole sie bei ihrem Gebet sehen möchten: Dank zwei Vorhängen rundherum kann man jede Einrichtung und jedes Symbol verdecken.

Der Tisch mit den heiligen Büchern wird bei der Katholischen Messe kurzerhand zum Altar umfunktioniert. Bild: Lorenz Filla

„Thank you for your respect towards all religions, we feel welcomed! It is great that you arranged for a prayer room. I was really surprised to find it and was more surprised when I recognized that it is an universal prayer room for all religions. All respect.“ – Beitrag im Gästebuch der Seelsorge

Zusammenleben der Gemeinschaften

Der Flughafen ist schließlich ein Ort, an dem Menschen vieler verschiedener Kulturen und Religionen aufeinandertreffen und auch zusammen beten. Dies funktioniert in den Andachtsräumen laut Farrugia sehr gut und er beschreibt die Flughafenseelsorge als eine Oase des Friedens: „Wir zeigen, dass nicht der Krieg oder die Feindschaft das Leben macht, sondern das friedliche Zusammenleben. Naturgemäß können wir nicht gemeinsam Gottesdienste halten, dafür sind unsere Religionen zu verschieden. Aber immer nebeneinander und miteinander, das funktioniert sehr gut.“ So kommt es auch manchmal zu besonderen Szenen: Während Pater Farrugia die Katholische Messe hält, kann es durchaus vorkommen, dass hinter dem Vorhang ein Moslem kniet und betet.

Pfarrer Joe Farrugia erzählt vom Zusammenleben der Religionen am Airport. Audio: Lorenz Filla

Hin und wieder verwenden Passagiere mit langen Wartezeiten die Andachtsräume zum Schlafen. Das kann das Team leider nicht tolerieren, weil dadurch andere Gläubige gestört werden. Seelsorgerin Bozena Rozycka erzählt, dass sie den Passagieren in solchen Fällen trotzdem mit einem weichen Herz entgegenkommt: „Ich frage dann immer, ob sie einen Kaffee oder ein paar Kekse möchten und meistens nehmen sie dieses Angebot gerne an. Viele Leute reisen ohne großen Geldbeutel und für sie bedeutet selbst so eine kleine Verpflegung sehr sehr viel.“

Zugang für alle

Aktuell arbeitet das Team daran, einen vierten Andachtsraum umzubauen und einzurichten. Dieser soll bis Sommer dieses Jahres fertiggestellt werden. Das Ziel von Pater Joe Farrugia und seinem Team ist, den Angestellten und Reisenden in jedem Terminal des Flughafens einen Andachtsraum zur Verfügung zu stellen, um von überall möglichst niederschwellig erreichbar zu sein. Zusätzlich dazu gestaltet das Team mehrmals jährlich die Flughafenzeitschrift „Habakuk“, um mit der Gemeinde in Kontakt zu bleiben, Neuigkeiten anzukündigen und inspirierende Begegnungen zu teilen.

„Gerade solche scheinbar kleinen Sachen, wie dieser etwa 30m2 große Raum können immens wichtig für die Menschen und ihr Zusammenleben sein. Vielen Dank an alle, welche diese Räumlichkeit nutzen, möge die Idee und der Geist der Sache weiter tragen und sich verbreiten.“ – Beitrag im Gästebuch der Seelsorge

Weiterführende Links:

Flughafen Wien – Andachtsraum https://viennaairport.com/passagiere/flughafen/andachtsraum

Erzdiözese Wien – Flughafenseelsorge https://www.erzdioezese-wien.at/unit/virc/de/home/flughafenseelsorge&ts=1774356963047

Zeitschrift der Flughafenseelsorge „Habakuk“ https://www.erzdioezese-wien.at/unit/virc/de/home/aktuelles/article/79026.html