Zwei Minuten, ein Tanz, ein Leben

Seit sie vier Jahre alt ist, ist Nelly Elle Schmid professionelle Tänzerin. Jetzt ist sie 19 und beendet ihre Karriere – und erzählt, wie hart das Leben als Tänzerin mitunter sein kann.

Der Vorhang geht auf, Bühne frei für Nelly Elle Schmid, im Juni ein letztes Mal. Mit ihrem Tanz „Recap“ wird sie zwei Minuten lang eine Geschichte voller Emotionen erzählen und dabei ihre Tanzkarriere reflektieren. Zwei Minuten, die jahrelanges Training ausdrücken und auf der Bühne dennoch mühelos wirken.

Die vielen Stunden im Studio erfordern Disziplin, hohe Belastbarkeit und ständigen Druck, besser zu werden. Für Schmid heißt das, bis zu sechs Mal die Woche zu trainieren. Wie so oft im Leistungssport beginnt und endet auch im Tanz die Karriere sehr früh. Schmid hat mit vier Jahren gestartet, mit 19 hört sie nun auf.

Leidenschaft braucht Halt

Zum Tanzen gehört mehr als Talent und Können. Dafür braucht man intrinsische Motivation, die stärker ist als Zweifel, Erschöpfung oder Druck. Und es braucht ein  Umfeld, das einen auffängt.

Denn psychische Erkrankungen sind unter Tänzerinnen und Tänzern weit verbreitet. Laut einer Studie des Fachjournals BMC Psychology zeigen 20.8 Prozent der 147 befragten deutschen Profitänzerinnen und Tänzer Symptome einer Depression, generalisierten Angststörung oder Essstörung.

Symbolbild: Eine Frau von hinten, die ihre Hände vor das Gesicht hält (pixabay)
Symbolbild: Frau von hinten, die ihre Hände vor das Gesicht hält (pixabay)

„Der Tanzsport wird oft nicht als Sport anerkannt. Daher fehlt uns oft Unterstützung, sowohl physisch als auch psychisch.“

– Nelly Elle Schmid

Richard Felsinger, Allgemeinmediziner für Public Health der MedUni Wien und staatlich geprüfter Tanzlehrer, stimmt dieser Aussage zu. Demnach würde vor allem in Österreich Tanzen als etwas Kulturelles und daher weniger als Sport angesehen. „Der Tanzsport ist eine Randsportart, die auch nicht olympisch ist“, erklärt Felsinger. Daher gäbe es wenig bis keine professionelle Unterstützung.

Der Preis der Perfektion

Nelly Elle Schmid lächelnd auf einem Podest mit einem Pokal in der Hand (privat)
Nelly Elle Schmid auf einem Podest (privat)

Tanzsport ist geprägt von einem kompromisslosen Anspruch an Perfektion. Jede Bewegung, jede Linie, jeder Gesichtsausdruck wird von einer Jury analysiert und kritisiert. Felsinger erklärt, dass die Sportart auf subjektiven Meinungen der Wertungsrichter und -richterinnen basiert und man daher lernen müsse, nicht frustriert zu werden, sondern die Ergebnisse als Ansporn zu sehen.

Auch Schmid kennt diesen schmalen Grat: „Erst einmal bin ich von der Bühne gegangen und war wirklich 100 Prozent zufrieden“. Stillstand gibt es nicht, auf jeden Auftritt folgt der nächste Trainingszyklus, der nächste Versuch, noch besser zu werden.

Tanzen fordert den Körper

Das fordert nicht nur mentale Stärke, sondern verlangt auch dem Körper sehr viel ab: Wie für viele Tänzerinnen und Tänzer gehören Schmerzen zu Schmids Alltag. Sowohl im Training als auch bei Wettkämpfen leidet sie unter starken Rückenbeschwerden. Bei einem Turnier im Jahr 2025 musste sie unmittelbar vor ihrem Auftritt noch in der Garderobe von einem Physiotherapeuten behandelt werden.

Eine Studie aus 2024 zeigt, dass Tänzerinnen und Tänzer die meiste Zeit unter Schmerzen trainieren: Über einen Zeitraum von zehn Monaten wurden 57 Balletttänzerinnen und -tänzer regelmäßig zu ihrem gesundheitlichen Befinden befragt. Das Ergebnis: In 80 Prozent der erfassten Wochen berichteten die Teilnehmenden von Schmerzen, besonders häufig in den Knöcheln, Oberschenkeln und im Rücken.

Auch Felsinger beschreibt, dass beim Tanzen vor allem Verletzungen in den Muskeln, Sprunggelenken und im Rücken auftreten. Zugleich betont er jedoch die positiven Auswirkungen des Tanzens auf den Körper, etwa die Verbesserung von Ausdauer, Beweglichkeit und Muskelkraft.

Ein Ausdruck der Identität

Trotz aller Probleme würde sich Schmid immer wieder für genau diesen Weg entscheiden. Jetzt beendet sie nach 15 Jahren ihre Karriere. „Da fehlt einfach dieser Funken, wenn man auf die Bühne geht“, erklärt Schmid, die außerdem beschreibt, dass der Sport sich zeitlich nicht mehr ausgehe und viele ihrer engen Freundinnen ebenfalls aufhören. In Zukunft steht sie nicht mehr auf der Bühne, sondern als Trainerin dahinter, denn das Tanzen wird sie nie ganz loslassen.

„Es ist nicht nur ein Hobby. Es ist wirklich eine Art zu Kommunizieren. Egal was Einen gerade belastet oder freut, welche Gefühle in einem drinstecken, man kann es durch das Tanzen ausdrücken.“ – Nelly Elle Schmid