Zwischen Raketen und Reels – Antisemitismus auf Social Media

Kriege werden schon lange nicht mehr nur auf dem Schlachtfeld ausgetragen. Social Media ist zum Schauplatz für Informationskämpfe und Verschwörungserzählungen geworden.

Von: Nico Langer

Mit dem Angriff Israels und den USA auf den Iran am 28. Februar 2026 steht der israelische Staat erneut in der Kritik. Die Leidtragenden sind neben den vom Krieg Betroffenen auch jüdische Menschen auf der ganzen Welt. Durch die gemeinsamen militärischen Aktionen Israels und der USA sei eine judenfeindliche Verschwörungserzählung populärer geworden, sagt Gerald Netzl, Bundesvorsitzender des Bundes Sozialdemokratischer FreiheitskämpferInnen. Die jüdische Ostküste stecke unter einer Decke und steuere die US-amerikanischen Politiker:innen.

Ob mit Beginn dieses laut Netzl „völkerrechtlich nicht gedeckten Krieges“ der Antisemitismus auf Social Media gestiegen ist, kann derzeit anhand empirischer Daten nicht beantwortet werden. Seitens der Israelitischen Kultusgemeinde wird diesbezüglich keine Auskunft gegeben. Das DÖW (Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands) betont, dass solche Erhebungen längerfristig durchgeführt werden müssen. Gerade in Krisenzeiten haben Verschwörungen allenfalls Hochkonjunktur, so Netzl: „Die Wahrheit ist das erste Opfer in einem Krieg.“

Der 7. Oktober als Ursprung

Für Netzl ist die jüngste Eskalation im Nahostkrieg im Februar 2026 nicht der Ursprung für den gestiegenen Antisemitismus: „Mit dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 und mit der überzogenen Reaktion Israels im Gazastreifen ist es mehr geworden.“ Zu diesem Entschluss kommt auch eine Studie im Auftrag des Österreichischen Parlaments aus dem März 2025. Vor dem 7. Oktober verzeichnete die IKG im Jahr 2023 1,55 antisemitische Vorfälle täglich, danach waren es 8,31 pro Tag. Laut der Studie ist Antisemitismus eine „grundlegende Werthaltung, die sich von äußeren Geschehnissen wenig beeinflussen lässt“. Was sich ändere, ist die Hemmschwelle, etwas Antisemitisches zu sagen oder zu schreiben. Durch Veränderungen im tagespolitischen Geschehen ändere sich für einige, was sie glauben, sagen zu dürfen.

So offenkundig wie nie zuvor

Benjamin Müller ist 29 Jahre alt, jüdisch und kommt aus Wien. Sein Name wurde zu seinem Schutz für diesen Text geändert. Benjamin nutzt soziale Medien nur selten, ist aber dennoch regelmäßig mit antisemitischen Inhalten konfrontiert. „Man muss nur ein Video anschauen, in dem Israel erwähnt wird, und findet schnell entsprechende Kommentare“, sagt er. Dabei spiele es kaum eine Rolle, ob es um Politik oder Sport gehe. Antisemitische Aussagen seien heute oft direkter als früher: „So offenkundig wie in den letzten zwei Jahren habe ich es davor nicht erlebt.“ Früher sei sich Müllers Wahrnehmung nach mehr in Form von Kritik am Staat Israel geäußert worden, die nicht per se antisemitisch ist. Dieser Meinung ist auch Netzl: „Die überzogene Reaktion Israels auf den 7. Oktober ist kritisch zu sehen.“

Jüdische Personen sind seit jeher Anfeindungen ausgesetzt. (Credit: Yaroslav Shuraev auf Pexels)

Versteckte Online-Codes

Neben offenkundig diskriminierenden Äußerungen sieht Netzl auch subtilere Formen von Antisemitismus. In digitalen Communities würden Codes und Emojis verwendet, die Außenstehenden nicht auffallen. Gerade junge Menschen müssten über solche versteckten Bekundungen aufgeklärt werden, so Netzl. Beispiele für uminterpretierte Emojis sind das „Okay-Handzeichen“ für die „Überlegenheit der weißen Rasse“ (White Power) oder das Blitz-Emoji für die Sig-Runen im SS-Wappen.

Müller beschreibt eine gewisse Ernüchterung im Umgang mit antisemitischen Online-Inhalten. Früher habe er Beiträge gemeldet. Inzwischen verzichte er meist darauf, weil er kaum Wirkung sehe. Wer auf Social Media Diskriminierung bekämpfen möchte, sollte laut Netzl „Zivilcourage zeigen und dort unterstützen, wo man kann“. Müller wünscht sich von anderen Usern, antisemitische Inhalte weder zu teilen noch durch Likes zu unterstützen: „Das gilt aber für jegliche Formen der Diskriminierung und nicht nur für Antisemitismus.“

Quellen: https://www.parlament.gv.at/dokument/fachinfos/publikationen/Antisemitismus_2024_Gesamtbericht.pdf


Credit Titelbild: Alexandr Kozlenko auf Pexels